TL; DR: Nicht jeder Test, der euch bei Darmproblemen angeboten wird, hält, was er verspricht. Fäkales Calprotectin und der SIBO-Atemtest gehören zu den solide validierten Werkzeugen, wobei selbst hier Reproduzierbarkeit und Interpretation ihre Tücken haben. Bei Zonulin wird es kurios: kommerzielle Tests messen wahrscheinlich gar nicht das eigentliche Protein, sondern stattdessen Properdin und Komplementärfaktor C3. Selbst ein niedriger Wert ist nicht direkt eine Entwarnung. Alpha-1-Antitrypsin, sekretorisches IgA, β-Defensin und EPX zeigen dir, ob dein Immunsystem reagiert, beantworten allerdings nicht die Frage nach der Ursache. Meine eigene Stuhlanalyse zeigt ein spannendes Beispiel: Calprotectin, Zytokinprofil, EPX unauffällig, β-Defensin und sIgA deutlich erhöht. Ein Rätsel, für das ich am Ende meine Histaminintoleranz als plausibelste Erklärung gefunden habe. Covid wäre allerdings auch ein heißer Kandidat. Nach den Funktionstests bietet der nächste Teil der Reihe dann einen Blick auf die Bakteriengemeinschaften im Darm und wie sie uns und unsere Erkrankungen beeinflussen können oder umgekehrt.
Eine wichtige Abgrenzung vorab
Bevor wir tiefer in die Materie eintauchen, zuerst einige Spielregeln für das Verständnis. Die meisten Tests, die wir heute vorstellen, messen einen konkreten biochemischen Marker. Das kann eine Entzündungsaktivität sein, eine bakterielle Gasproduktion oder die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut. Das unterscheidet sie von reinen Mikrobiomuntersuchungen, die "nur" messen, welche Bakterien eigentlich vorhanden sind.
Ein biochemischer Marker ist allerdings nicht gleichbedeutend mit qualitativ hochwertig. Manche dieser Marker gehören zu den am besten erforschten Werkzeugen der Gastroenterologie, andere wiederum werden zwar in der Funktionsmedizin fleißig beworben, sind wissenschaftlich allerdings noch nicht eindeutig validiert.
Dazu kommt: kaum ein medizinisches Feld wandelt sich aktuell so rasant wie die Darmforschung. Was vor wenigen Jahren noch als gesichert galt, wird heute teils schon wieder revidiert. Das macht diesen Bereich einerseits unglaublich spannend, andererseits bedeutet es aber auch, dass ihr als Betroffene besonders kritisch hinschauen solltet, bevor ihr Geld in einen Test investiert.
Kurze Anmerkung in eigener Sache: ich recherchiere all das nach bestem Wissen und Gewissen und bilde damit den aktuellen Forschungsstand ab, so gut ich ihn zum Zeitpunkt des Schreibens überblicken kann. Fehler passieren aber auch mir, und was heute als Erkenntnis gilt, kann morgen schon überholt sein. Wenn euch etwas auffällt, bitte gerne kommentieren.
Fäkales Calprotectin als Marker für Entzündungen
Die Bestimmung von Calprotectin ist einer der Tests, der bei Darmproblemen oft standardmäßig schon beim Hausarzt gemacht wird.
Calprotectin ist ein Calcium-bindendes Protein, das von Immunzellen, wie Neutrophilen und Monozyten, gebildet wird, wenn Entzündungen im Darm vorliegen. Damit ist es ein sehr sicherer Marker, um eine klassische chronische Darmentzündung, wie Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa, von anderen Krankheitsbildern mit ähnlichen Symptomen, wie z. B. das Reizdarmsyndrom, abzugrenzen.
Hier würde ich gerne ein bisschen mehr auf die Thematik eingehen, die manch einen frustriert und enttäuscht zurücklässt, wenn das Calprotectin Normalwerte zeigt und der Hausarzt einen mit den Worten "Alles in Ordnung. Ist vermutlich nur ein Reizdarmsyndrom" entlässt. So erlebt aus eigener Erfahrung und daher hier noch einmal die Klarstellung:
- Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa sind chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED), bei denen nachweisbare, biochemische oder strukturelle Veränderungen im Gewebe vorliegen. Messbar und unter dem Mikroskop erkennbar. Daher fasst man diese Erkrankungen unter den Ausdruck organische Erkrankungen.
- Beim Reizdarmsyndrom hat man mit ähnlichen oder fast identischen Symptomen zu kämpfen. Bei einer Darmspiegelung sieht das Gewebe des Darms allerdings meist vollkommen unauffällig aus. Daher hier der Begriff funktionielle Erkrankung. Funktionell bedeutet aber nicht, dass die Schmerzen und Symptome eingebildet sind oder gar psychosomatisch. Die Beschwerden sind völlig real. Leider wird man nur trotzdem oft in die besagte Schublade gesteckt.
Wann macht der Test Sinn?
Die Bestimmung von Calprotectin ist bei einer schweren Darmsymptomatik auf jeden Fall immer hilfreich, um eine CED ausschließen zu können. Die Genauigkeit des Tests wird auch durch eine aktuelle Metaanalyse mit knapp 2.000 Patient:innen bestätigt [1], die eine Sensitivität von 85,8 % und eine Spezifität von 91,7 % ergab. CEDs sind verhältnismäßig selten: Nehmen wir eine Prävalenz von 1 % an, liegt der negative Vorhersagewert bei 99,8 %. Ein negatives Ergebnis kann euch also mit einer sehr hohen Sicherheit beruhigen, weil es eine CED ausschließt. Andererseits bedeutet ein positives Ergebnis nicht automatisch, dass eine CED vorliegt. Der positive Vorhersagewert ist deutlich niedriger und beträgt nur 10 %, vor allem aufgrund der niedrigen Prävalenz. Deshalb ist meist eine weitere medizinische Abklärung notwendig, z. B. durch eine Darmspiegelung.
Zählt man jetzt alle positiv Getesteten zusammen (86 echte + 822 falsche), kommt man auf 908 Personen mit positivem Ergebnis. Allerdings hat nur ein kleiner Teil von diesen Personen wirklich eine CED.
SIBO-Atemtests als Marker für die Dünndarmfehlbesiedlung
Die meisten von euch sind sicher irgendwann einmal über SIBO bzw. die Dünndarmfehlbesiedlung gestolpert. Weil sie viele Gesichter haben kann, einen Haufen unterschiedlicher Symptome und viele Ursachen. Gerade wenn im Verdauungstrakt ohnehin irgendwas nicht rund läuft, kommt sie gern noch obendrauf, wie das sprichwörtliche Sahnehäubchen - nur eben nicht so angenehm.
Bei einer Dünndarmfehlbesiedlung (DDFB oder SIBO) siedeln sich Dickdarmbakterien im Dünndarm an und durch diese Fehllokalisation werden einige Beschwerden getriggert. Der Großteil der kultivierbaren Darmbakterien befindet sich nämlich im Dickdarm (> 1010 KBE/g; KBE = koloniebildende Einheiten), während der Dünndarm im Vergleich eher einer bakteriellen Wüste gleicht (< 103 KBE/g). Die fehlgeleiteten Kollegen konkurrieren im Dünndarm um die Nährstoffe, die wir zu uns nehmen und eigentlich in unseren Zellen verarbeiten möchten, sie produzieren epithelschädigende Substanzen und hemmen obendrein die Fettverdauung.
Die Folgen können wir uns lebhaft ausmalen: Mikronährstoffmangel, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen und verringerte Stressresilienz. Die offensichtlichsten Probleme entstehen aber bei der Gasbildung. Gas im Enddarm kann relativ einfach entweichen, wird es nun aber stattdessen weiter oben im Dünndarm produziert, ist das nicht mehr so einfach. Es kommt zu Blähbauch, Völlegefühl, Bauchschmerzen und Blähungen.
Die entstehenden Gase sind es auch, die uns die Analyse durch sogenannte Atemtests vereinfachen.
Der SIBO-Atemgastest
Der SIBO-Atemgastest misst die Konzentration von Wasserstoff und Methan in der Atemluft nach der Einnahme einer definierten Menge der Testsubstanz Laktulose (seltener verwendet: Glukose).
Laktulose ist ein synthetischer Zucker, der von körpereigenen Enzymen nicht verstoffwechselt werden kann. Der Abbau der Laktulose erfolgt aber durch Bakterien im Darm. Normalerweise sollte Laktulose unverändert in den Dickdarm gelangen und erst dort von Bakterien abgebaut werden. Bei dieser Verstoffwechslung entsteht vor allem Wasserstoff, aber auch Methan.

Obwohl der Test nach den aktuellen Leitlinien des American College of Gastroenterology empfohlen wird bei Reizdarmbetroffenen, gibt es eine wichtige Einschränkung: die Empfehlung selbst ist mit einem sehr niedrigen Evidenzgrad eingestuft worden. Analog hierzu kann man sich eine aktuelle Studie aus diesem Jahr anschauen [2]. Der Atemtest wurde bei 40 gesunden Erwachsenen zweimal im Abstand von zwei Wochen wiederholt. Das Ergebnis war unbefriedigend. Der Test konnte für ein und dieselbe Person beim ersten Mal negativ und beim zweiten Mal plötzlich positiv ausfallen, unter gleichbleibenden gesundheitlichen Bedingungen. Die Autor:innen mahnen deshalb ausdrücklich zu vorsichtiger Interpretation und fordern einheitlichere Testprotokolle.
Zu einem ähnlich ernüchternden Ergebnis kam eine weitere Metaanalyse [3] mit 3.000 Reizdarmbetroffenen und 3.000 gesunden Kontrollpersonen. Je nach Testmethode lag die SIBO-Prävalenz bei den Reizdarmbetroffenen bei 4 bis 60%, allerdings zeigten auch bis zu 34% der Gesunden ein positives Testergebnis. Der Zusammenhang zwischen Reizdarm und SIBO war zwar statistisch signifikant, dennoch zeigt die große Überlappung, wie wenig aussagekräftig ein einzelnes Testergebnis für die individuelle Diagnose sein kann.
Glukose oder Laktulose?
Als Testmedium wird in den meisten Fällen Laktulose verwendet, doch auch Glukose hat seine Berechtigung, da es als spezifischer mit weniger falsch-positiven Ergebnissen gilt. Der Nachteil hier, es erfasst nur den oberen Dünndarmabschnitt. Laktulose erreicht den gesamten Dünndarm und ist damit grundsätzlich sensitiver, allerdings auch anfälliger für falsch-positive Ergebnisse. Sobald die Laktulose im Dickdarm ankommt, verstoffwechseln nämlich die dort ansässigen Bakterien sie begeistert. Ob man bei den Testergebnissen nun die Bakterien des Dünndarms oder des Dickdarms sieht, hängt also maßgeblich von der individuellen Transitzeit ab. Je früher man den Anstieg sieht, desto wahrscheinlicher wird er durch Bakterien im Dünndarm verursacht. Ganz vage habe ich noch eine Studie [4] im Kopf, bei denen die Probanden zusätzlich einen flüssigen radioaktiven Marker schlucken mussten, ähnlich wie bei einer Szintigraphie. Auf diese Weise konnte man praktisch live beobachten, wann die Laktulose den Dickdarm erreicht, während man parallel die Atemgase misst. Leider ist dieses Setup beim Otto-Normalverbraucher wenig praktikabel.
Wann macht der Test Sinn?
Vor allen Dingen dann, wenn eine der möglichen Ursachen naheliegend ist. Zu den häufigsten Ursachen zählen gestörte Darmbewegungen (zum Beispiel durch OPs oder Verletzungen, Endometriose etc.), zu wenig Magensäure, anatomische Probleme oder vorausgegangene Magen-Darm-Infekte.
Bei anhaltenden Symptomen wie Blähungen, Völlegefühl oder Durchfall, kann es also durchaus sinnvoll sein, sich mit der SIBO-Thematik zu beschäftigen.
Zonulin, Zytokine und Co. oder wenn Tests mehr versprechen als sie halten
Wer schon einmal vor einem dieser Bestellbögen für Darmtests saß, weiß was ich meine. Eine schier ellenlange Liste mit schillernden Namen und Empfehlungen. Meist sauber und ordentlich praktischen Kategorien zugeordnet wie "Reizdarm", "Stille Entzündungen", oder "Leaky Gut". Als Laie ist man versucht, gleich ein ganzes Paket zu ordern, bis man den Preis sieht und sich fragt, ob es nicht vielleicht doch günstiger geht. Könnte man denn nicht das ein oder andere weglassen?!
Daher schauen wir uns nun nach den soliden, wissenschaftlich fundierten Tests solche an, die man in den allermeisten Fällen als Eigenleistung bestellen kann. Allen voran den klassischen Marker bei Leaky Gut, das Zonulin.
Zonulin als Marker für Leaky Gut
Der bekannteste Marker, der in der Leaky Gut-Community standardmäßig kursiert, ist das Zonulin. Zonulin ist ein körpereigenes Protein, das die Durchlässigkeit der engen Zellverbindungen, der sogenannten Tight Junctions, in der Darmschleimhaut reguliert. Es öffnet diese Barriere vorübergehend, was bei einer Fehlregulation mit Entzündungen und Autoimmunerkrankungen wie Zöliakie in Verbindung gebracht wird.

Klingt nach einem idealen Marker, oder etwa nicht? Leider ist das Ganze in der Realität viel komplizierter und dafür gibt es vor allen Dingen zwei Gründe.
Viele Tests messen wahrscheinlich das falsche Protein
Mehrere unterschiedliche Studien haben kommerzielle Zonulin-Tests per Massenspektrometrie auf ihre Genauigkeit überprüft und dabei Überraschendes herausgefunden [5; 6]. Statt des eigentlichen Zonulins erkennen die Assays offenbar häufig andere Proteine wie Properdin oder den Komplementärfaktor C3, was zwei völlig andere Proteine des Immunsystems sind. Was als Zonulin auf eurem Befund steht, ist wissenschaftlich betrachtet also ein schlecht definierter Begriff, der potenziell mehrere unterschiedliche Proteine umfassen kann.
Die stattdessen identifizierten Proteine gehören zum Teil des angeborenen Immunsystems, der bei der Bekämpfung von Krankheitserregern hilft, aber eigentlich nicht direkt mit der Darmbarriere im Zusammenhang steht. Erhöhte C3-Werte weisen allgemein auf eine erhöhte Immunsystemaktivierung hin. Sie können bei sehr unterschiedlichen Zuständen auftreten, sowohl bei Infektionen, Autoimmunerkrankungen, als auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Insulinresistenz, Übergewicht, Asthma oder Diabetes. Properdin wiederum ist der einzig bekannte positive Verstärker des Komplementwegs, es stabilisiert einen Enzymkomplex, der die Immunantwort verstärkt. Freigesetzt wird Properdin unter anderem von neutrophilen Granulozyten. Es spielt eine Rolle bei bakterieller Abwehr, aber auch bei entzündlichen und autoimmunen Erkrankungen.
Ein niedriger Zonulinwert ist nicht immer eine Entwarnung
Dieser Punkt ist kurios: Ist die Darmschleimhaut bereits beschädigt, kann es zu niedrigeren statt höheren Zonulinwerten führen. Aus dem einfachen Grund, dass die Zellen, die das Zonulin normalerweise produzieren, beschädigt sind. Ein Anbieter der Zonulintests empfiehlt daher, den Marker grundsätzlich nur in Kombination mit Alpha-1-Antitrypsin zu verwenden. Denn, die Darmwand könnte beschädigt sein, obwohl der Zonlinwert unauffällig ist.
Wann macht der Test Sinn?
Nach so viel Kritik nun die entscheidende Frage: Gibt es überhaupt einen Fall, in dem die Bestimmung von Zonulin sinnvoll ist? Um ehrlich zu sein, als alleinstehender Test, auf dessen Ergebnis ihr eine Entscheidung stützen wollt, würde ich sagen: Nein. Aktuell ist es weder möglich einen zu hohen, als auch einen zu niedrigen Wert sinnvoll zu interpretieren.
Maximal könnte ich mir vorstellen, den Zonulinwert in Kombination mit anderen Parametern wie Alpha-1-Antitrypsin oder sekretorischem IgA zu messen, aber mehr dazu gleich.
Alpha-1-Antitrypsin als 2. Wahl für Leaky Gut
Das Alpha-1-Antitrypsin wurde bereits erwähnt als Partner für das Zonulin. Ursprünglich war es allerdings für etwas komplett anderes gedacht. Alpha-1-Antitrypsin ist ein von der Leber produziertes Eiweiß, das normalerweise im Blut bleibt. Findet man es nun aber im Stuhl, deutet das auf einen erhöhten Eiweißverlust über die Darmschleimhaut hin, medizinisch als "protein-losing-enteropathy" bekannt. Primär wurde es nicht als Leaky-Gut-Marker entwickelt, lässt sich dafür aber wunderbar zweckentfremden.
Was man zusätzlich beachten sollte: bei Durchfall kann der Wert durch Verdünnung der Probe unauffällig ausfallen, selbst wenn tatsächlich eine Entzündung im Darm vorliegt. Ein falsch-negatives Ergebnis ist also möglich.
Wann macht der Test Sinn?
In seiner ursprünglich etablierten Funktion macht Alpha-1-Antitrypsin durchaus Sinn. Bei unklarem Eiweißverlust, zum Beispiel bei Wassereinlagerungen (Ödemen) oder niedrigem Bluteiweiß, ohne dass Leber- oder Nierenwerte das erklären können, gehört der Test zur sinnvollen Abklärung.
Als isolierter Leaky Gut-Marker, so wie er in vielen Selbstzahlerpaketen verkauft wird, würde ich ihn nicht unbedingt empfehlen. Vor allem dann nicht, wenn Durchfall vorliegt und es dadurch zum beschriebenen Verdünnungseffekt kommen kann. Als Ergänzung zu anderen Markern kann man ihn sicher mal mitnehmen, aber nicht als alleinstehende Antwort auf die Frage "Habe ich Leaky Gut?".
Sekretorisches IgA oder die andere Seite der Barriere
Das sekretorische IgA ist ein Antikörper, den unser darmassoziiertes Immunsystem (GALT) direkt in die Darmschleimhaut absondert. Allerdings geht es hier anders als beim Zonulin oder Alpha-1-Antitrypsin nicht um die strukturelle Durchlässigkeit der Darmwand, sondern um die immunologische Abwehrbereitschaft direkt an der Oberfläche der Schleimhaut.
Das klingt grundsätzlich nach einem sinnvollen ergänzenden Marker, was es in der Theorie auch ist. In der Praxis sieht die ganze Geschichte aber ein wenig komplizierter aus. Der Wert für sekretorisches IgA hängt stark vom aktuellen Entzündungszustand ab [7].
Ist die Darmschleimhaut gesund, sollte der Wert weder erhöht noch vermindert sein. Bei einer Dysbiose oder Entzündung würde man einen erhöhten Wert erwarten, als Zeichen einer intakten, reagierenden Immunabwehr. Bleibt dieser Anstieg aber nun trotz Entzündung aus, deutet das auf eine reduzierte Immunabwehr hin. Die Entzündung ist aber trotzdem da, nur das Immunsystem reagiert nicht wie erwartet. Heißt im Klartext, ob ein bestimmter Wert "gut" oder "schlecht" ist, lässt sich nicht ohne den größeren klinischen Zusammenhang beurteilen. Ein isolierter Zahlenwert hilft in den wenigsten Fällen.
Wann macht der Test Sinn?
Wenn die Fragestellung ist, ob die Immunabwehr in der Darmschleimhaut funktioniert oder nicht. Der Test macht am ehesten im Rahmen einer größeren, ärztlich begleiteten Abklärung Sinn, nicht als isolierter Zahlenwert auf einem Selbstbezahler-Befund.
β-Defensin oder ein Wächter mit wenig Referenzwerten
β-Defensin gehört zu einer Familie körpereigener, antimikrobieller Peptide, die neben der reinen Erregerabwehr auch vielfältige Rollen im Entzündungsgeschehen einnehmen [8]. Das klingt doch mal nach einem sinnvollen Entzündungsmarker, oder nicht?
Zwei unabhängige Studien [9, 10] zeigen, dass sich sowohl bei Colitis ulcerosa als auch bei Reizdarmsyndrom erhöhte β-Defensin-2-Werte finden lassen. Eine weitere Studie [11], die beide Krankheitsbilder direkt miteinander verglich, konnte einen vergleichbaren Anstieg des Parameters für beide Patientengruppen bestätigen.
Die Studien untersuchen also, ob β-Defensin bei Erkrankungen wie Colitis ulcerosa oder Reizdarmsyndrom ansteigt, nicht aber, ob sich anhand dieses Anstiegs zwischen beiden Krankheitsbildern unterscheiden lässt. Das scheint auch gar nicht der Zwecke dieses Parameters zu sein: beworben wird der Test nicht zur Diagnose, sondern als Marker für die sogenannte intestinale Immunhomöostase (= Immunsystem der Darmschleimhaut im Gleichgewicht).
Der Gedanke dahinter ist der, dass der Wert bei einer bereits anderweitig festgestellten Entzündung oder Dysbiose ansteigen sollte, als Zeichen einer intakten Immunabwehr. Bleibt dieser Anstieg aus, deuten Labore das als reduzierte Abwehrkapazität der Darmschleimhaut. Das kennen wir schon vom sekretorischen IgA, was praktisch mit derselben Interpretationslogik arbeitet.
Wann macht der Test Sinn?
β-Defensin wird selten einzeln angeboten, sondern oft in einem größeren Paket, zusammen mit sekretorischem IgA, Zonulin und Co. Da β-Defensin im Prinzip dieselbe Frage beantwortet wie sekretorisches IgA, kann man sich eigentlich einen der beiden Parameter sparen. Im Endeffekt wäre es vielleicht geschickt, sich den Preis für das Gesamtpaket und die Preise für die Einzelparameter einmal anzuschauen und zu vergleichen. Vermutlich fährt man günstiger, wenn man sich bewusst für einzelne Parameter entscheidet, die eine ganz konkrete Fragestellung beantworten können. Bei β-Defensin wäre die Fragestellung dieselbe wie bei sekretorischem IgA: funktioniert meine Immunabwehr der Darmschleimhaut oder nicht?
EPX oder wenn der falsche Marker die falsche Frage beantwortet
Eosinophiles X (EPX) ist in einigen Stuhldiagnostikpaketen enthalten. Es handelt sich hierbei um ein Protein, das von eosinophilen Granulozyten freigesetzt wird. Immunzellen, die vor allem bei der Abwehr von Parasiten und bei Typ I-Allergien (Typ Sofortreaktion) eine Rolle spielen.
Einige Studien zeigen auch eine deutliche Erhöhung bei Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa [11].
Prinzipiell haben wir also auch hier wieder einen Marker, der uns ganz pauschal Entzündungsgeschehen im Darm anzeigt, woher genau das kommt, bleibt offen.
Bei einer sehr spezifischen Fragestellung, nämlich bei Säuglingen mit Verdacht auf eine nicht-IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergie (Proktokolitis), zeigte eine Studie mit bestätigter oraler Provokation eine ordentliche diagnostische Genauigkeit, wenn EPX mit Calprotectin und TNF alpha kombiniert wurde [12]. Das ist allerdings ein sehr eng umrissener klinischer Kontext, nicht übertragbar auf die allgemeine "Hab ich eine Nahrungsmittelunverträglichkeit?"-Fragestellung, für die der Test in Selbstzahler-Paketen oft beworben wird.
Wann macht der Test Sinn?
Bei konkretem Verdacht auf Parasitenbefall oder in sehr spezifischen pädiatrischen Fragestellungen [12], wo es tatsächlich brauchbare Evidenz gibt. Als allgemeiner Test für Nahrungsmittelunverträglichkeiten bei Erwachsenen würde ich eher davon absehen, dafür ist die Überlappung mit anderen Ursachen einfach zu groß.
Zytokinprofil im Stuhl oder ein teures Missverständnis
Zu guter Letzt noch ein Wort zur Zytokin-Analyse, die relativ neu ist und deren Vorstellungswebinar vom angebotenen Labor mich so überzeugt hatte, dass ich mir den recht hohen Preis für die Analyse gegönnt habe. Ich gebe zu, es klang derart logisch und beeindruckend, dass ich die Schlussfolgerung gezogen habe, ich könnte eine Typ IV-Allergie mit den Ergebnissen ausschließen. Im Sinne von: Zytokine unauffällig, also keine Typ IV-Allergie. Ganz so einfach ist es aber definitiv nicht und das Geld hätte ich mir vermutlich sparen können.
Eigentlich ist das Zytokinprofil ja für eine andere Diagnostik gedacht und zwar für den Nachweis entzündlicher Veränderungen im Darm. Für chronisch entzündliche Darmerkrankungen funktioniert es auch zuverlässig und da ist ein Blick ins Zytokinprofil sicher nicht verkehrt.
Es wird allerdings explizit auch für die Reizdarmsymptomatik beworben und genau hier wird es fraglich: eine aktuelle, noch nicht formal begutachtete Studie [13] zeigt, dass Zytokine im Stuhl generell unterhalb der Nachweisgrenze herkömmlicher ELISA-Tests liegen, also genau der Methode, die auch bei kommerziellen Zytokinprofilen zum Einsatz kommt. Die Forscher:innen mussten deshalb ein komplett neues, ultra-empfindliches Verfahren entwickeln, um überhaupt zuverlässig messen zu können. Insgesamt ist es aber ein spannendes Thema, weshalb ich vielleicht noch einen Extra-Artikel an die Serie dranhänge. Wenn ihr Interesse habt, dann schreibt das doch einfach mal in die Kommentare.
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