TL; DR: Unser Darm gilt gerade in der Community oft pauschal als Ursache für so ziemlich alles, von MCAS bis Endometriose, das Mikrobiom als der große Strippenzieher hinter allem. So einfach ist es leider nicht. Was stimmt: der Darm beherbergt eine der höchsten Mastzell-Konzentrationen im Körper, und die Kommunikation zwischen Mikrobiom und Immunsystem läuft nachweislich in beide Richtungen, nicht nur "kaputter Darm macht krank". Bei MCAS, Histaminintoleranz, Autoimmunerkrankungen und POTS gibt es dafür mittlerweile konkrete Studienbefunde. Überraschend uneindeutig ist die Lage dagegen bei Endometriose: ausgerechnet die bislang größte und methodisch stärkste Studie fand keinen klaren Mikrobiom-Unterschied, ein gutes Beispiel dafür, wie individuell diese Erkrankung tatsächlich ist. Was das für eure eigene Diagnostik heißt, welche Untersuchung überhaupt sinnvoll ist und was sie wirklich aussagt, klären wir in den nächsten Teilen dieser Serie.
Zahlen, Fakten, Mythen: Darm im Fokus
Die Forschung zum Darm und seinem Mikrobiom ist in den letzten anderthalb Jahrzehnten regelrecht explodiert: allein zum Thema Darmmikrobiom und Krankheit zählt man mittlerweile weit über 40.000 wissenschaftliche Veröffentlichungen, mit stetig wachsender Fördersumme und Aufmerksamkeit. Beim Thema Darm reihen sich auch einige Mythen aneinander, die sich trotz verstärkter Forschung hartnäckig halten.
Die weit verbreitete Aussage, der Darm habe die Fläche eines Tennisplatzes (oft 180 bis 300 m² zitiert) ist einer dieser Mythen, der mit einer Neuvermessung 2014 unter Zuhilfenahme präziserer mikroskopischer Methoden widerlegt werden konnte [3]. Die tatsächliche mittlere Schleimhautoberfläche des Verdauungstrakts liegt nur bei rund 32 m², wovon etwa 2 m² auf den Dickdarm entfallen. Damit dürften wir eher bei einem halben Badmintonfeld als bei einem Tennisplatz liegen. Trotzdem immer noch beeindruckend für ein Organ, das zusammengefaltet in unserem Bauch Platz findet.
Um uns nochmal in Erinnerung zu rufen, wofür unser Körper diese scheinbar überdimensionierte Fläche, bestehend aus Schleimhaut (Mukosa), Bindegewebe (Submukosa), Muskelschicht (Muskularis) und Außenschicht (Serosa) überhaupt benötigt, findet ihr im Folgenden eine kleine Illustration.

So viel vorerst zum Bauplan, doch wie äußert sich nun eine Störung dieses wunderbar aufeinander abgestimmten Systems und welche Rolle spielen da die Mastzellen, denn die interessieren uns ja besonders? Bei den folgenden fünf Krankheitsbildern lohnt sich ein genauerer Blick darauf, was dort eigentlich alles schiefgehen kann...
MCAS und Mikrobiom: ein ständiger Dialog
Die Mukosa oder Schleimhaut, also die innerste Schicht der Darmwand, ist nicht nur für die Nährstoffaufnahme von großer Bedeutung, sondern auch für die Abwehr von schädlichen Bakterien und Giften. Denn hier sitzt es, das viel diskutierte Mukosa-Immunsystem und mit ihm Unmengen an Mastzellen.
Mastzellen im Darm reagieren zwar direkt auf mikrobielle Signale aus ihrer unmittelbaren Umgebung, aber die Kommunikation läuft tatsächlich in beide Richtungen ab. Botenstoffe wie Histamin und Tryptase, die von Mastzellen freigesetzt werden, beeinflussen nämlich auf der anderen Seite, welche Bakterien sich im Darm ansiedeln können [4].
Wie eng dieser Zusammenhang tatsächlich ist, zeigt die eingangs erwähnte Studie von Krausfeldt et al. [2]: bei Betroffenen mit systemischer Mastozytose fand sich eine veränderte Zusammensetzung bestimmter Bakteriengruppen (Firmicutes und Bacteroidetes), die direkt mit dem Tryptase-Spiegel zusammenhing, einem klassischen Marker für Mastzellaktivität. Ein ständiger Dialog also, der bei einer gestörten Balance in beiden Richtungen aus dem Ruder laufen kann.
Wichtig zu wissen: beim Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS), anders als bei der systemischen Mastozytose, ist die Tryptase bei vielen Betroffenen im Blut gar nicht dauerhaft erhöht, ein normaler Wert schließt eine Erkrankung also nicht aus.
Und an diesem Punkt sollte man unterscheiden zwischen Korrelation und Kausalität. Ginge man davon aus, dass die veränderte Bakterienzusammensetzung durch den erhöhten Tryptase-Spiegel hervorgerufen würde, könnte man in dem Fall schlussfolgern, MCAS-Betroffene mit niedrigen Tryptase-Werten dürften diese veränderte Bakterienzusammensetzung nicht aufweisen.
Die Studie zeigt aber lediglich, dass Tryptase-Spiegel und Mikriobiom-Veränderungen zusammen auftreten (korrelieren), was nicht zwingend heißt, dass Tryptase selbst die Mikrobiom-Veränderung antreibt. Es könnte genauso gut sein, dass beide durch einen dritten Faktor beeinflusst werden, zum Beispiel die allgemeine Mastzellaktivität oder Krankheitslast insgesamt. Tryptase ist hierbei nur ein messbarer Indikator, nicht die Ursache. Interessant wäre es demnach, würde man dieses Studiendesign auch auf MCAS-Betroffene ausweiten und nicht ausschließlich Betroffene mit systemischer Mastozytose untersuchen.
Histaminintoleranz und Darm: wenn Bakterien mitmischen
Viele von euch kennen es vielleicht, Probiotika sind immer so eine Sache, die ganz schnell schiefgehen kann und Symptome verursachen oder verschlimmern kann. Um sich vor teuren Fehlkäufen zu schützen, sollte man bei der Angabe der enthaltenen Stämme sehr genau hinschauen.
Einige Bakterienstämme wie Morganella morganii oder Enterococcus faecalis produzieren selbst Histamin, andere wie Klebsiella pneumoniae helfen beim Abbau. Im Normalfall handelt es sich um ein fein austariertes Gleichgewicht zwischen den Stämmen, das bei einer Dysbiose leicht kippen kann. Eine kleine Pilotstudie an Betroffenen mit Histaminintoleranz fand dementsprechend eine veränderte Zusammensetzung genau jener Bakteriengruppen, zu denen auch bekannte Histaminproduzenten zählen [5].
Die eigentliche Abbauarbeit von Histamin übernimmt aber vor allem unser körpereigenes Enzym DAO (Diaminoxidase). DAO wird hauptsächlich in der Darmschleimhaut produziert, weshalb eine gestörte Darmbarriere gleich doppelt zuschlägt: mehr Histamin von außen und innen, und gleichzeitig weniger Kapazität, es abzubauen. Umso mehr Sinn macht es bei einer Histaminintoleranz gezielt zu schauen, wie es um die eigene Darmgesundheit bestellt ist.
Autoimmunerkrankungen und Darmbarriere: eine Frage der Toleranz
Die Darmbarriere und unsere Immuntoleranz, also die Fähigkeit des Immunsystems, zwischen harmlos und gefährlich zu unterscheiden, sind eng miteinander verknüpft. Auch hier zeigt sich die Zweidimensionalität: bestimmte Stoffwechselprodukte unserer Darmbakterien, allen voran kurzkettige Fettsäuren (SCFA), fördern gezielt jene Immunzellen (regulatorische T-Zellen), die überschießende, gegen den eigenen Körper gerichtete Reaktionen bremsen [6].
Interessant: der Rezeptor, über den das läuft, GPR109A, ist derselbe, den wir schon aus unserem SCFA-Artikel kennen, dort ging es um seine mastzelldämpfende Wirkung. Ein und derselbe Andockpunkt reguliert also gleich mehrere Immunmechanismen im Darm. Gerät dieses Gleichgewicht aus der Balance, wird das mittlerweile bei mehreren Autoimmunerkrankungen als möglicher Faktor diskutiert. Wie genau sich das im Einzelfall messen und interpretieren lässt, ist allerdings komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint, daher werde ich darauf ausführlicher in einem späteren Artikel eingehen.
POTS: der Vagusnerv als Verbindung
Wenn wir uns mit dem Darm beschäftigen, kommen wir an einer Sache nicht vorbei: der Darm-Hirn-Achse, verbunden über den Vagusnerv. Diese wichtige Verbindung zwischen Darm und autonomem Nervensystem funktioniert in beide Richtungen. Sensorische Fasern leiten Signale aus dem Darm ans Gehirn, während andere Fasern in umgekehrter Richtung die Darmbewegung steuern.
Genau hier setzt eine mögliche Erklärung für das posturale orthostatische Tachykardiesyndrom (POTS) an: ist die autonome Regulation gestört, verändert sich oft auch die Darmtransitzeit, und damit indirekt, welche Bakterien sich im Darm ansiedeln können. Eine aktuelle Studie [7] fand tatsächlich deutliche Unterschiede in der Mikrobiom-Zusammensetzung bei POTS-Betroffenen im Vergleich zu Gesunden, allerdings kam eine frühere, kleinere Pilotstudie zu einem gegenteiligen Ergebnis [8]. Ein Forschungsfeld, das noch ziemlich am Anfang steht.
Endometriose und das Estrobolum
Die Gesamtheit aller Darmbakterien, die am Östrogenstoffwechsel beteiligt sind, nennt man Estrobolom und es klingt so richtig schön kausal...aber hier kommt eine herbe Enttäuschung für alle, die einen klar ersichtlichen, signifikanten Zusammenhang zwischen Darm und Endometriose erwarten.
Nachdem mehrere kleinere Studien darauf hingedeutet hatten, dass die bakterielle Zusammensetzung des Darms auch den Hormonhaushalt beeinflussen könnte (z. B. [9] oder [10]) räumt eine groß angelegte Kohortenstudie von 1000 Frauen mit dieser These auf [11]. Es ließ sich keinerlei Unterschied im Mikrobiom zwischen Frauen mit und ohne Endometriose finden.
Die Autor:innen selbst liefern dafür allerdings eine plausible Erklärung: sie hatten verschiedene Subtypen der Erkrankung, von der oberflächlichen bis zur tief infiltrierenden Form, in einen Topf geworfen. Passend zum Ruf der Endometriose als Chamäleon unter den Krankheiten gilt, eine Erkrankung, die so individuell und vielgestaltig auftritt, entzieht sich eben auch einer pauschalen Antwort auf die Mikrobiom-Frage. Erste Studien, die nach Subtyp trennen, finden tatsächlich wieder Unterschiede. Bei tief infiltrierender Endometriose etwa zeigt sich eine deutlich reduzierte bakterielle Vielfalt, bei der ovariellen Form eine veränderte Aktivität von Enzymen, die am Östrogenstoffwechsel beteiligt sind [12]. Ein Beleg mehr dafür, wie wichtig es ist, bei dieser Erkrankung genau hinzuschauen.
Eine offene Frage zum Schluss
Fünf ganz unterschiedliche Erkrankungen, und doch taucht der Darm bei den meisten als möglicher Mitspieler auf, wenn auch, wie wir gerade bei der Endometriose gesehen haben, nicht immer so eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheint.
Die spannende Frage, die bleibt: Was mache ich jetzt mit diesem Wissen? Bei der Beantwortung dieser Frage könnten dir die nächsten Artikel dieser Serie helfen. Denn dort geht es darum, ob eine Untersuchung des Darms sinnvoll ist, wenn ja, welche überhaupt, und was das Ergebnis am Ende wirklich aussagt.
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Referenzen
[1] Buhner S, Schemann M. Mast cell-nerve axis with a focus on the human gut. Biochim Biophys Acta. 2012 Jan;1822(1):85-92. doi: 10.1016/j.bbadis.2011.06.004. Epub 2011 Jun 17. PMID: 21704703.
[2] Krausfeldt L, Cao V, Rodrigues R et al. Evidence for dysbiosis in the gut microbiome of patients with systemic mastocytosis. Journal of Allergy and Clinical Immunology: Global, 2025; 5. doi: 10.1016/j.jacig.2025.100578
[3] Helander HF, Fändriks L. Surface area of the digestive tract - revisited. Scand J Gastroenterol. 2014 Jun;49(6):681-9. doi: 10.3109/00365521.2014.898326. Epub 2014 Apr 2. PMID: 24694282.
[4] Carnevale A, Marangio C, Putro E, Molfetta R, Paolini R. The Gut Microbiota-Mast Cell Axis in Intestinal Homeostasis and Food Allergy Pathogenesis. Biomolecules. 2026 Feb 5;16(2):254. doi: 10.3390/biom16020254. PMID: 41750324; PMCID: PMC12938359.
[5] Schink M, Konturek PC, Tietz E, Dieterich W, Pinzer TC, Wirtz S, Neurath MF, Zopf Y. Microbial patterns in patients with histamine intolerance. J Physiol Pharmacol. 2018 Aug;69(4). doi: 10.26402/jpp.2018.4.09. Epub 2018 Dec 9. PMID: 30552302.
[6] Singh N, Gurav A, Sivaprakasam S, Brady E, Padia R, Shi H, Thangaraju M, Prasad PD, Manicassamy S, Munn DH, Lee JR, Offermanns S, Ganapathy V. Activation of Gpr109a, receptor for niacin and the commensal metabolite butyrate, suppresses colonic inflammation and carcinogenesis. Immunity. 2014 Jan 16;40(1):128-39. doi: 10.1016/j.immuni.2013.12.007. Epub 2014 Jan 9. PMID: 24412617; PMCID: PMC4305274.
[7] Hamrefors V, Kahn F, Holmqvist M, Carlson K, Varjus R, Gudjonsson A, Fedorowski A, Ohlsson B. Gut microbiota composition is altered in postural orthostatic tachycardia syndrome and post-acute COVID-19 syndrome. Sci Rep. 2024 Feb 9;14(1):3389. doi: 10.1038/s41598-024-53784-9. PMID: 38336892; PMCID: PMC10858216.
[8] Ishimwe JA, Breier N, Saleem M, Kastner PD, Kirabo A, Shibao CA. The Gut Microbiota and Short-Chain Fatty Acids Profile in Postural Orthostatic Tachycardia Syndrome. Front Physiol. 2022 Jun 2;13:879012. doi: 10.3389/fphys.2022.879012. PMID: 35733987; PMCID: PMC9208699.
[9] Svensson A, Brunkwall L, Roth B, Orho-Melander M, Ohlsson B. Associations Between Endometriosis and Gut Microbiota. Reprod Sci. 2021 Aug;28(8):2367-2377. doi: 10.1007/s43032-021-00506-5. Epub 2021 Mar 3. PMID: 33660232; PMCID: PMC8289757.
[10] Shan J, Ni Z, Cheng W, Zhou L, Zhai D, Sun S, Yu C. Gut microbiota imbalance and its correlations with hormone and inflammatory factors in patients with stage 3/4 endometriosis. Arch Gynecol Obstet. 2021 Nov;304(5):1363-1373. doi: 10.1007/s00404-021-06057-z. Epub 2021 Apr 11. PMID: 33839907.
[11] Pérez-Prieto I, Vargas E, Salas-Espejo E, Lüll K, Canha-Gouveia A, Pérez LA, Fontes J, Salumets A, Andreson R, Aasmets O; Estonian Biobank research team; Whiteson K, Org E, Altmäe S. Gut microbiome in endometriosis: a cohort study on 1000 individuals. BMC Med. 2024 Jul 18;22(1):294. doi: 10.1186/s12916-024-03503-y. Erratum in: BMC Med. 2024 Oct 10;22(1):448. doi: 10.1186/s12916-024-03692-6. PMID: 39020289; PMCID: PMC11256574.
[12] Liang L, Min L, Liu J, Liu Y and Cheng W (2026) Gut microbiota dysbiosis in endometriosis: mechanistic insights and gut microbiota-targeted therapeutic strategies. Front. Microbiol. 17:1776574. doi: 10.3389/fmicb.2026.1776574