Omega-3-Fettsäuren gehören zu den meist gehypten und am häufigsten eingenommen Nahrungsergänzungsmitteln, speziell wenn es um das Thema stille, chronische Entzündungen (silent inflammation) geht.
Wissenschaftliche Studien untermauern dies und für den Themenkomplex Allergien und Mastzellerkrankungen gibt es einige vielversprechende Ergebnisse, die sich auch durch Praxiserfahrungen am Patienten reproduzieren lassen. Eine vor kurzem veröffentlichte, groß angelegte Vergleichsstudie von Khabir et al. (DOI: 10.1080/10408398.2026.2615693) wollen wir zum Anlass nehmen, dieses Thema noch einmal genauer zu beleuchten.
Viele von euch kennen das vielleicht: unter Einnahme von Omega-3 Kapseln passiert entweder gefühlt gar nichts oder es treten Nebenwirkungen auf, mit denen man so nicht gerechnet hätte. Einer der Gründe hierfür ist sicherlich, dass Entzündungen im Körper sehr komplex sind. Jede/r Betroffene bringt ein eigenes Muster aus Immunaktivierung, Nervensystem, Darmgesundheit, Fettsäurestoffwechsel und individuellen Triggern mit.
Kleiner Exkurs zum Thema Fettsäure-stoffwechsel...
Fette enthalten zwei große Gruppen an ungesättigten Fettsäuren, die für Entzündungsprozesse besonders relevant sind: Omega-3 und Omega-6-Fettsäuren. Sie besitzen eine oder mehrere Doppelbindungen in ihrer chemischen Struktur, wodurch sie reaktiver und biologisch aktiver sind als gesättigte Fettsäuren.
Omega-6-Fettsäuren werden mit Hilfe diverser Enzyme schlussendlich zur entzündungsfördernden Arachidonsäure abgebaut. Die Arachidonsäure bildet wiederum mit Hilfe weiterer Enzyme entzündliche Botenstoffe, die Leukotriene, Prostaglandine und Thromboxane, die unter anderem Mastzellen aktivieren, allergische Reaktionen verstärken und an Prozessen wie Asthma, Schleimhautentzündungen und chronischen Entzündungsreaktionen beteiligt sind.
Omega-3-Fettsäuren fungieren als Gegenspieler der Omega-6-Fettsäuren. Mit Hilfe von Co-Faktoren und Enzymen werden aus ihnen die Fettsäuren EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure) gebildet. Beide Fettsäuren konkurrieren mit Arachidonsäure um Enzyme und beeinflussen dadurch die Bildung entzündlicher Botenstoffe. EPA und DHA werden zu sogenannten Specialized Pro-resolving Mediators (SPMs) weiterverarbeitet, die dem Körper helfen, Entzündungsreaktionen aktiv zu beenden und überschießende Immunreaktionen zu regulieren.

Omega-3 ist nicht gleich Omega-3
Ein wichtiger Punkt ist: Omega-3 ist nicht gleich Omega-3. Und hiermit meinen wir nicht nur die Herkunft oder Qualität eines Produktes, sondern das Verhältnis der beiden wichtigsten Omega-3-Fettsäuren, EPA und DHA, und die Dosierung des Gesamtpräparats.
Die erwähnte Vergleichsstudie zeigt, dass diesem Verhältnis bisher weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde, als angebracht wäre. Denn je nachdem, ob ein Präparat mehr EPA oder DHA enthielt, kam es zu unterschiedlichen Wirkungen auf:
- Entzündungsmarker wie CRP, TNF-α und IL-6
- die Fettsäurezusammensetzung im Blut
- und entzündungsfördernde Omega-6-Marker wie Arachidonsäure.
Besonders interessant ist, dass Präparate mit höherem DHA-Anteil zu einer verstärkten Reduktion proentzündlicher Zytokine führten, während Präparate mit höherem EPA-Anteil vor allem die Arachidonsäure reduzierten.
Auf dem Markt sind tatsächlich vorwiegend Präparate, bei denen EPA dominiert. Je nach Krankheitsbild und Ursachen für vorhandene chronische Entzündungen, kann es allerdings sinnvoll sein abzuwägen, welches Präparat im speziellen Anwendungsfall den größtmöglichen Behandlungserfolg verspricht.
Wenn der Fettsäurestoffwechsel selbst gestört ist: Bezug zu Mastzellerkrankungen
Gerade bei Mastzellerkrankungen und Allergien ist der Fettsäurestoffwechsel oft nicht nur eine theoretische Größe, sondern ein zentraler Mitspieler. Ein Beispiel, über das ich, Lisa, an anderer Stelle bereits ausführlich geschrieben habe, ist die Salicylat- bzw. NSAID-Intoleranz: Dort verschiebt sich der Arachidonsäurestoffwechsel typischerweise in Richtung der Leukotrien-Bildung mit den entsprechenden mastzellaktivierenden und entzündungsfördernden Folgen.
Wer dieses Thema vertiefen möchte: Hier ist der Hintergrundartikel zu Salicylat-/NSAID-Intoleranz.
Für die Omega-3-Frage bedeutet das: Bei dieser Patientengruppe steht der Hebel "Arachidonsäure herunterregulieren" oft besonders im Vordergrund und ist ein Argument dafür, beim EPA/DHA-Verhältnis nicht blind zur erstbesten Standardware zu greifen...
Ein häufig unterschätzter Faktor: die Dosis
Weiterhin untermauert auch diese Studie die Wichtigkeit der eingesetzten Dosis. Während frei verfügbare Präparate mit Dosierungsempfehlungen vorsichtig sind, kamen die Wissenschaftler:innen zu dem Schluss, dass eine Dosis von 1-3 g /Tag (DHA+EPA) notwendig sei, um eine konsistente Reduktion der Entzündungsmarker sicherstellen zu können. In der klinischen Praxis zeigt sich teilweise erst unter höheren Omega-3-Dosierungen ein messbarer Therapieerfolg, wobei die individuell notwendige Dosis stark vom jeweiligen Entzündungsprofil und dem Einzelfall abhängen kann.
Diese Beobachtung wird durch eine weitere Schlussfolgerung der Studie gestützt: Die Gabe von Omega-3 zeigte bei gesunden Menschen teilweise stärkere Effekte als bei chronisch Erkrankten. Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass chronische Entzündungsprozesse den Fettsäurestoffwechsel und die Immunregulation komplex verändern können, wodurch häufig höhere oder individuell angepasste Dosierungen notwendig werden.
Eine exemplarische Produktanalyse
Um die Dosisfrage konkret zu machen, ein Beispiel aus der Praxis: Das in der Community häufiger genannte WHITE OMEGA PLUS von Cellavent liefert pro Tagesdosis (1 Kapsel):
- 800 mg Omega-3-Fettsäuren gesamt
- davon 400 mg EPA und 300 mg DHA
- also 700 mg EPA+DHA
- in natürlicher Triglyzerid-Form, mit dokumentiert niedrigem TOTOX-Wert
Das ist, qualitativ betrachtet, ein durchaus solides Produkt. Für die Basisversorgung Gesunder reicht diese Menge an EPA+DHA gut aus und überschreitet die EU-Health-Claim-Schwellen.
Für Menschen mit ausgeprägten chronischen Entzündungen, Mastzellerkrankungen oder Allergien liegt diese Tagesdosis allerdings am unteren Rand bzw. unterhalb des Bereichs, den die Khabir-Studie für eine konsistente Reduktion von Entzündungsmarkern vorschlägt (1–3 g EPA+DHA). Es ist also keine Frage der Produktqualität, sondern der eingesetzten Menge: Wer mit der Packungsempfehlung "eine-Kapsel täglich" arbeitet, bleibt für eine therapeutische Wirkung in vielen Fällen unterdosiert.
Was bedeutet das für die Praxis?
Aus der Studienlage und der Erfahrung in der Praxis ergeben sich folgende Empfehlungen:
- Vor (höher dosierter) Therapie: Status bestimmen. Omega-3-Index und Fettsäureprofil im Blut geben Aufschluss über Ist-Zustand und EPA/DHA-Verhältnis.
- Präparat nach Entzündungsprofil wählen. Stehen klassische Zytokin-Marker im Vordergrund, kann ein DHA-Schwerpunkt sinnvoll sein. Steht eine Arachidonsäure-/Eicosanoid-Problematik im Vordergrund (z.B. NSAID-/Salicylat-Intoleranz, asthmatische Komponente), spricht mehr für EPA-Dominanz.
- Dosis realistisch ansetzen. Für eine konsistente entzündungsmodulierende Wirkung sind laut Studienlage 1–3 g EPA+DHA täglich nötig. Standard-Packungsempfehlungen liegen oft darunter.
- Auf Qualität achten. TOTOX-Wert (Frische), Triglyzerid- statt Ethylesterform, transparente Laboranalysen.
- Wechselwirkungen beachten. Insbesondere bei blutgerinnungshemmenden Medikamenten und vor Operationen unbedingt ärztlich abklären.
- Bei MCAS/Histaminintoleranz vorsichtig einschleichen. Auf Hilfsstoffe (Trägeröle, besondere Vorsicht auch beim Zusatz von Zitronen- oder Orangenöl!, Gelatine, Vitamin-E-Quelle) achten und langsam aufdosieren, um individuelle Reaktionen besser einordnen zu können.
Take-aways
Veranstaltungshinweis: Workshop zu Nahrungsmittelallergien & -unverträglichkeiten
Am 19.05.2026 um 19 Uhr findet ein Workshop zu Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeiten statt, geleitet von Dr. Markus Pfisterer, 1. Vorstand des VAEM e.V. (in dessen Vorstand Lisa ebenfalls aktiv ist). Die Teilnahme ist auf 30 Personen begrenzt, um intensiven Austausch zu ermöglichen. Es sind noch sehr wenige Restplätze vorhanden, daher lohnt sich hier schnell sein. Alle Infos unter: allergietagung.de/workshops