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Naturheilkundliche Behandlung von interstitieller Zystitis & chronischen Blasenschmerzen

Aufgrund der Spezialisierung meiner Praxis auf Mastzell- und andere immunologische Erkrankungen kam ich frühzeitig, nicht nur aufgrund meiner eigenen Geschichte, in Kontakt mit Interstitielle Zystitis- und chronische Blasenschmerz-Patientinnen und Patienten (kurz IC/BPS). Auf die Rolle von Mastzellen im Urogenitaltrakt, konkret in der Blase und den Geschlechtsorganen, gehe ich in einem anderen Artikel ein, um aufzuzeigen wie interstitielle Zystitis, chronische Blasenschmerzen, Endometriose und Mastzellen zusammenhängen können. Nachfolgend soll das Augenmerk auf naturheilkundlichen Behandlungsmethoden liegen, die bei der IC/BPS eingesetzt werden.

Die naturheilkundliche Behandlung bei interstitieller Zystitis fokussiert sich zum einen auf die Unterstützung der schützenden Schleimhautschicht in der Blase (GAG-Schicht) und zum anderen auf den Einsatz von Pflanzenstoffen und Nährstoffen, die die Reizschwelle für Nerven- und Mastzellen anheben, sodass die Betroffenen Linderung erfahren.

Mir ist unter diesen Umständen besonders wichtig darauf hinzuweisen, dass die Therapie nicht selbst gestaltet, sondern immer im Austausch mit medizinischen Fachpersonal und erfahrenen Behandlern erfolgen sollte. Gerade Pflanzenstoffe können oftmals ein breites Wechselwirkungspotential aufweisen und sollten nicht auf gut Glück mit Medikamenten kombiniert werden.

Was sind Mastzellen?

Nur kurz vorab zum Verständnis: Mastzellen sind Teil unseres Immunsystems und gehören zu den weißen Blutkörperchen (Leukozyten). Sie kommen jedoch nur zu einem geringen Teil im Blut vor, sondern sind hauptsächlich in Schleimhäuten zu finden. Dort sind sie einer Vielzahl von im weitesten Sinne Entzündungsreaktionen beteiligt. Sie spielen zudem eine wichtige Rolle bei der Vermittlung von Symptomen von allergischen Reaktionen über das von ihnen freigesetztes Histamin.

Dabei ist wichtig zu verstehen, dass entgegen dem landläufigen Gebrauch des Wortes, Entzündungsprozesse nicht per se schlecht sind. Vielmehr sind diese ein wichtiger Teil unserer Immunantwort: Sie sind Teil der Verteidigungsmechanismen unseres Körpers. 

Einen eigenen Artikel zum Thema Mastzellen, deren Botenstoffe und Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) ist ebenfalls auf dieser Seite zu finden.

Ernährung bei chronischen Blasenschmerzen (IC/BPS)

Es gibt nicht die IC-Diät – auch wenn sich das Betroffene verständlicherweise wünschen. Manche Personen vertragen saure oder scharf gewürzte Speisen besonders schlecht. Teilweise können auch Histamin oder Salicylate zu vermehrten Beschwerden führen. Daher verdient das Thema einen eigenen Artikel, um hier nicht den Rahmen zu sprengen.

Dieser Beitrag behandelt ein Gesundheitsthema. Es ist wichtig, dass du deine Symptome durch medizinisches Fachpersonal untersuchen und behandeln lässt. Dieser Artikel kann keine Betreuung und Beratung durch Fachpersonal ersetzen und möchte es auch nicht.

Phytotherapie bei Interstitieller Zystitis

Nicht jede Patientin oder Patient verträgt Pflanzenextrakte gut. Ein Teil der Patienten leidet mitunter unter einer NSAID-Intoleranz, auch Salicylatintoleranz, genannt und kann dann oftmals empfindlich auf die konzentrierten Pflanzenauszüge reagieren, die stellenweise große Mengen an Salicylsäure enthalten.

Quercetin – ein mastzellstabilisierender Wirkstoff

In einer Studie mit 22 IC/BPS zeigte sich, dass das Antioxidans Quercetin oftmals mit einer signifikanten Besserung der Beschwerden einhergeht. Leider sind die Studien immer nur klein und nicht ganz so aussagekräftig wie ihre großen Pendants mit vielen Probandinnen und Probanden.1

Die Wirkung von Quercetin bei IC würde ich neben einer generell entzündungshemmenden Wirkung auf einen mastzellstabilisierenden, gegen Histaminausschüttung gerichteten Effekt zurückführen. Nicht umsonst werden auch Medikamente, die bestimmte Histaminrezeptoren blockieren, bei der IC/BPS eingesetzt, wie sogenannte H1- und H2-Blocker, die Histaminrezeptoren vom Typ 1 respektive Typ 2 blockieren.

Häufig profitieren Patienten mit einem Mastzellaktivierungssyndrom oder Allergien ebenfalls von Quercetin, da es auch hier die Ausschüttung von entzündungsfördernden Botenstoffen wie Histamin und Leukotrienen aus der Mastzelle, die zu Symptomen führen können, bremst.2

Wichtig ist bei der Behandlung von Quercetin, dass dieser Pflanzenstoff, gerade in hohen Dosen, das Leberenzym Cytochrom 3A4 (kurz: CYP3A4) hemmt, was einer Vielzahl von Medikamentenwechselwirkungen auslösen kann, wenn diese ebenfalls über dieses Cytochrom verstoffwechselt werden.

Aloe Vera – bisher fehlt noch die Evidenz

Aloe Vera enthält bestimmte Polysaccharide, die eventuell hilfreich für die Schleimhäute sein könnten. Allerding gibt es bisher keinerlei weiterführende Evidenz im Sinne von durchgeführten Studien bei chronischen Blasenentzündungen. Es finden sich aber Informationen im Netz, dass eine Untersuchung mit Aloe Vera und IC/BPS-Betroffenen durchgeführt werden soll.

Aufgrund des hohen Salicylatgehalts und der eher niedrigen Evidenz verwende ich standardmäßig kein Aloe Vera bei IC/BPS, da ich festgestellt habe, dass viele meiner IC-Patienten eine deutlich erhöhte Leukotriene-Ausscheidung aufweisen. Eine erhöhte Leukotriene-Ausscheidung kann ein Hinweis für eine gesteigerte Mastzellaktivität sein und in Zusammenschau mit anderen Befunden teilweise auf eine Salicylatintoleranz hinweisen.

Aspirin
Aspirin®, die prominente Acetyl-Salicylsäure, ist nicht immer für jeden geeignet und verträglich.

Kräutermischungen & Tees

Es gibt verschiedene Kräutermischungen, die in Studien mit IC-Patienten teils auch erfolgreich eingesetzt wurden. Eine Mischung bestand aus Hartrigel (Cornus), Rhabarber, einer Gardeniensorte und einer Psoralea-Art. Hier spielt die individuelle Verträglichkeit eine große Rolle.1

Traditionelle chinesische Medizin & Akupunktur bei IC/BPS

Generell gibt es keine standardisiertes Vorgehen in der TCM, sondern jeder Patient wird individuell behandelt. Es gibt nur Fallberichte meines Wissens nach.

Auch die Akupunktur wir bei IC/BPS eingesetzt. Hier kann sie neben dem klassischen Einsatzbereich der Akupunktur von Schmerzen generell sich wohl einer kleinen Untersuchung nach auch auf die Blasensymptome Häufigkeit und Drang positiv auswirken. (Die Akupunktur fällt nicht unter Phytotherapie im klassischen Sinne, aber wird unter TCM mit aufgeführt.) Leider handelt es sich hier meisten um Fallberichte und nur wenige Patientenserien, sodass uns hier noch Informationen fehlen.1

Die GAG-Schicht (Glykosaminoglykan-Schicht) aufbauen

Chondroitinsulfat, Hyaluronsäure und mehr

Eine besondere Rolle spielt die Glykosaminglykan-Schicht. Sie schützt die tief liegenden Schichten der Blase vor den aggressiven Stoffen im Urin. Chondroitinsulfat, Heparansulfat, Dermatasulfat sind z.B. Bestandteile der GAG. Diese werden unter anderem mittels Instillationspräparaten direkt in die Blase eingeführt. So erhält Gepan® z.B. Chondroitinsulfat oder Instyllan® Hyaluronsäure.

In meiner Praxis habe ich mit Patientinnen und Patienten schon mehrfach positive Erfahrungen mit oraler Gabe von Chondroitinsulfat und Glucosaminsulfat erzielen können. Chondroitinsulfat hat mastzellstabilisierende Eigenschaften3 und wird in der Kombination mit Glucosaminsulfat, Methylsulfonylmethan (MSM) und auch Hyaluronsäure in Kombinationspräparaten angeboten, die zur „Knorpelregeneration“ und ähnlichem angeboten werden. Diese Präparate können „zweckentfremdet“ werden. Wichtig ist dabei, dass nicht jeder MSM oder Hyaluronsäure verträgt. Chondroitinsulfat als Reinstoff hat sich meiner Erfahrung nach als gut verträglich erwiesen.

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Vitamine und Mineralien

Zu Vitaminen und Mineralien bei IC/BPS gibt es ebenfalls einen gesonderten Artikel, da auch einige Vitamine oder bestimmte Formen bei manchen Betroffenen zu einer deutlichen Verschlechterung führen. Vorsichtig sollte man mit starken Säuren wie der Ascorbinsäure (Vitamin C) sein, da diese die Blase reizen können. Hier kann man z. B. auf gepufferte Formen zurückgreifen, wie Calciumascorbat.

Schwerpunkt Beckenboden und physikalische Therapien

Chronische Unterleibsbeschwerden, Beckenschmerzen, Blasen- und Beckenbodenbeschwerden treten häufig gemeinsam auf oder hängen miteinander zusammen. Dies ist nicht verwunderlich, führen doch konstanter Blasenschmerz und Harndrang zu einer Verkrampfung der Beckenbodenmuskulatur, die ihrerseits dann auch wieder Schmerzen hervorrufen kann.

Physiotherapie & Massage

Physikalische Therapien haben sich als wirksam erwiesen bei IC/BPS-Patientinnen und Patienten. Ganz besonders wirksam sind diese Therapien bei erhöhten Spannung im Beckenboden. Da diese Therapien kaum nebenwirkungsbehaftet sind, lohnt es sich daher auszuprobieren, ob dadurch eine Linderung eintritt.

Es ist oftmals hilfreich, wenn der oder die Therapeut:in schon einmal mit chronischen Blasenschmerz- oder Beckenbodenpatienten gearbeitet hat. Dennoch ist dies kein Muss: Sympathie und Einfühlungsvermögen spielen gerade bei so einem intimeren und oftmals auch schambehafteten Thema eine große Rolle. Daher kann man sich auch im wahrsten Sinne des Wortes auch gemeinsam gut vorantasten.

Massage nach Thiele (transvaginal, intravaginal)

Es gibt mehrere kleine Untersuchungen mit um die 20 Probandinnen, bei denen eine Massage der inneren Beckenbodenmuskulatur (zweimal die Woche für 15 Minuten) innerhalb von wenigen Wochen zu einer statistisch signifikanten Symptomreduktion geführt haben. 4 Diese Methode eignet sich vorwiegend für Patientinnen, die einen hohen Beckenbodentonus haben.

Biofeedback

Biofeedback-Verfahren können ebenfalls einen positiven Einfluss auf die Symptome einer hyperaktiven Blase haben, wenn sie darauf abzielen, den häufig überhöhten Tonus zu senken. Das bedeutet, dass die Entspannung des Beckenbodens und nicht die Anspannung im Vordergrund stehen sollte. Maximale Anspannung vor der bewussten Entspannung kann für Betroffene manchmal unangenehm sein, sodass eine mittlere Anspannungsstufe angestrebt werden sollte.

Yoga bei chronischen Blasenschmerzen

Bestimmte Yoga-Posen können die Beckenbodenmuskulatur positiv beeinflussen: Hierzu zählen unter Anderem die Haltungen: Frosch, Fisch, halber Schulterstand. Auch die alternierende Nasenatmung wird als besonders günstig aufgeführt.5

Generell bin ich ein großer Freund von Atemtechniken und Atemtherapie, welche einen profunden Effekt auf das Nervensystem haben kann. Daher habe ich die Untersuchungen zu Atemtherapien in einem gesonderten Artikel zusammengefasst.

Besser wäre: To Do – Slow Breathing

Probiotika bei Interstitieller Zystitis (IC/BPS)

Die Abklärung von Reizdarmbeschwerden, genauer gesagt, ob eine Unverträglichkeit, Allergie oder Intoleranz vorliegt, ist besonders wichtig, da es zwischen Darm und Blase Wechselwirkungen gibt:

Ebenso wie bei Patientinnen und Patienten mit Reizdarmbeschwerden gibt es auch Auffälligkeiten im Darmmikrobiom bei Personen mit interstitieller Zystitis. So fanden sich z.B. signifikant reduzierte Level von Eggerthella sindensis, Faecalibacterium prausnitzii und Lactonifactor longoviformi.6

Generell gibt es kein Probiotikum, dass sich bisher als besonders geeignet bei IC/BPS herausgestellt hat, sodass man hier keine Empfehlungen geben kann. Bei Probiotika sollte am besten bei sensiblen Personen darauf geachtet werden, dass histaminproduzierende Stämme vermieden werden.

Fazit

Bei chronisch auftretenden Schmerzen beim Wasserlassen ohne bakterielle Infektionen, Harndrang und Blasenschmerzen sollte zudem an die interstitielle Zystitis gedacht werden. Ganz besonders dann, wenn zusätzlich noch Autoimmunerkrankungen oder eine Mastzellerkrankung vorliegen. In den Fällen kann dann auch eine entsprechende Diät und Therapie versucht werden, die die Freisetzung von Mastzellmediatoren vermindert.

Die Unterstützung der GAG-Schicht kann in jedem Fall auch versucht werden.

Naturheilkundliche Ansätze im Sinne der Phytotherapie und TCM sind individuell zu bewerten und auszuprobieren. Physiotherapeutische und körpertherapeutische Entspannungsverfahren scheinen geeignet zu sein, um der Verkrampfung und dem Schmerz etwas Einhalt zu gebieten.

Quellen

1.            Pang R, Ali A. The Chinese approach to complementary and alternative medicine treatment for interstitial cystitis/bladder pain syndrome. Translational Andrology and Urology. 2015;4(6):65361-65661. Accessed May 26, 2021. https://tau.amegroups.com/article/view/7816

2.            Mlcek J, Jurikova T, Skrovankova S, Sochor J. Quercetin and Its Anti-Allergic Immune Response. Molecules. 2016;21(5):E623. doi:10.3390/molecules21050623

3.            Theoharides TC, Patra P, Boucher W, et al. Chondroitin sulphate inhibits connective tissue mast cells. Br J Pharmacol. 2000;131(6):1039-1049. doi:10.1038/sj.bjp.0703672

4.            Oyama IA, Rejba A, Lukban JC, et al. Modified Thiele massage as therapeutic intervention for female patients with interstitial cystitis and high-tone pelvic floor dysfunction. Urology. 2004;64(5):862-865. doi:10.1016/j.urology.2004.06.065

5.            Ripoll E, Mahowald D. Hatha Yoga therapy management of urologic disorders. World J Urol. 2002;20(5):306-309. doi:10.1007/s00345-002-0296-x

6.            Braundmeier-Fleming A, Russell NT, Yang W, et al. Stool-based biomarkers of interstitial cystitis/bladder pain syndrome. Sci Rep. 2016;6:26083. doi:10.1038/srep26083

7.            Zierau O, Zenclussen AC, Jensen F. Role of female sex hormones, estradiol and progesterone, in mast cell behavior. Front Immunol. 2012;3. doi:10.3389/fimmu.2012.00169

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Heilpraktikerin in eigener Praxis, Hypnosetherapeutin, Besitzerin eines verrückten Immunsystems mit autoimmunen Spezialeffekten, die sie nach ihrem Studium mit ebensolcher Hingabe medizinische anstatt wirtschaftswissenschaftlicher Abhandlungen wälzen lassen. Wenn ihre Gelenke und Mastzellen es zulassen: begeisterte Heimwerkerin

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