Das TL;DR für den Artikel
- Was IC/BPS eigentlich ist und warum "Blasenentzündung ohne klassischen Harnwegsinfekt" eine eigenständige Erkrankung ist
- Die zwei Subtypen (Hunner vs. Non-Hunner) und was sie unterscheidet
- Bakteriell oder nicht? Was die Forschung zum Blasenmikrobiom sagt
- Warum die Blase voller (aktivierter) Mastzellen steckt und wie das zu einer besonderen Art von Schmerz führt
- Die Zyklus-Frage: Warum "Östrogen ist schuld" zu kurz greift
- Abgrenzung IC/BPS und MCAS
- Workshopinfo zu wiederkehrenden Blasenentzündungen
In meiner Praxis sehe ich immer wieder Frauen, aber auch Männer (wenn auch seltener), die unter wiederkehrenden Blasenentzündungen und chronischen Blasenschmerzen leiden. Meist sind multiple Therapien erfolgt, wie wiederholte Antibiotikagaben, teilweise auch die Dauereinnahme eines Antibiotikums, und dennoch scheint Frau bzw. Mann der Lage nicht Herr zu werden. Manchmal fühlt es sich nur nach klassischer bakterieller Entzündung an, aber es sind keine Bakterien (mehr) nachweisbar... und da kommen als mögliche Verdächtige einerseits Histamin als Gewebshormon und andererseits Mastzellen als immunologische First-Line-Defense mit multiplen Botenstoffen dazu.
In diesem Artikel geht es um viele "Warums": Warum sind Menschen mit MCAS oder Histaminintoleranz überdurchschnittlich oft von Blasenproblemen betroffen? Was passiert eigentlich in der Blasenwand, wenn zu viele Mastzellen vorhanden sind und zu viel Histamin ausgeschüttet wird? Und warum gibt es eine Überlappung zum "chronischen Blasenschmerzsyndrom" / Interstitielle Zystitis (englisch abgekürzt: IC/BPS für Intestitial Cystitis / Bladder Pain Syndrome)?
Ebenfalls gehe ich kurz darauf ein, warum pathophysiologisch auch bakterielle Entzündungen häufiger bei MCAS-Betroffenen sein könnten als bei der restlichen Bevölkerung. Wichtig ist: Das hier ist wie immer wissenschaftlich zu deiner Information aufgearbeitet, ersetzt aber keine Therapie bei medizinischem Fachpersonal.
Was genau ist IC/BPS eigentlich?
IC/BPS ist eine Ausschlussdiagnose und bedeutet chronischer Blasenschmerz bzw. -druck über mindestens sechs Wochen, begleitet von Harndrang oder häufigem Wasserlassen, ohne dass eine Infektion oder eine andere erkennbare Ursache (Steine, Tumor, Strahlenzystitis etc.) vorliegen. Der Name stammt noch aus einer Zeit, in der man von einer einheitlichen Entzündung des Blasengewebes ausging. Mittlerweile lässt sich selbst die interstitielle Zystitis in mindestens zwei Typen unterteilen.
Hunner-Läsion vs. Non-Hunner:
Bei der Zystoskopie, also der Blasenspiegelung, zeigen sich bei einem Teil der Betroffenen sogenannte Hunner-Läsionen, also eine gerötete Schleimhautstelle mit charakteristischen Gefäßveränderungen, die beim Aufdehnen der Blase leicht einreißen und bluten. Dieser Subtyp ist nach heutigem Stand eine entzündliche Erkrankung mit nachweisbarer B-Zell-Infiltration und Epithelschädigung. Wie häufig er vorkommt, schwankt zwischen Studien stark. In den meisten Untersuchungen zeigt die Mehrheit der IC/BPS-Patientinnen jedoch keine Hunner-Läsion, sondern in der Blasenspiegelung oft kaum sichtbare Auffälligkeiten. Bei letzterer Gruppe scheint die zentrale Nervensensibilisierung im Vordergrund zu stehen. [1-4]
Interessant für uns ist: Eine histopathologische Untersuchung fand die stärkere Mastzellinfiltration und Fibrosierung eher beim Non-Hunner-Typ, während der Hunner-Typ vor allem durch ausgeprägte Entzündung und Epithelschädigung auffiel, wobei sich in vielen weiteren Untersuchungen das genau gegenteilige Bild ergab. [4] Hier sieht man meiner Meinung nach einmal wieder, wie komplex diese Syndrome sind, und ich spekuliere, dass wahrscheinlich jeder ein individuelles Krankheitsgeschehen hat mit einer für ihn besonderen, entzündlichen Signatur.
Prof. Theoharides und weitere Autoren beschreiben schon Anfang der 2000er bei beiden Typen eine wahrscheinlich erhöhte Mastzellaktivierung und Mastzellanzahl und weisen darauf hin, dass es auch darauf ankommt, wo die Mastzellanzahl gemessen werden, also beispielsweise im Muskel (Detrusor) versus der Schleimhaut. [4, 10]
Bakterielle Blasenentzündung oder nicht?
Klassisch wird IC/BPS auch als "abakterielle Zystitis" bezeichnet, weil die Diagnose eine negative Standard-Urinkultur voraussetzt. Das heißt aber nicht, dass die Blase tatsächlich steril ist. Mit sensitiveren, kulturunabhängigen Methoden (16S-rRNA-Sequenzierung, erweiterte Kulturverfahren) lässt sich inzwischen bei rund 80 % aller Frauen ein eigenes "weibliches Harnmikrobiom" nachweisen. [5]
Ähnlich wie bei beispielweise im weiteren Sinne "Darmbeschwerdebetroffenen" zeigt sich bei Blasenschmerzbetroffenen im Vergleich zu Kontrollen teilweise eine geringere mikrobielle Vielfalt und eine veränderte Zusammensetzung des Mikrobioms. Es findet sich allerdings kein einheitlicher Keim, den man für die Problematik verantwortlich machen könnte: Die Ergebnisse variieren zwischen Studien, mal fällt eine veränderte Lactobacillus-Häufigkeit auf, mal andere Gattungen, mal besteht gar kein signifikanter Unterschied zu Kontrollen. [6,7]
Ursprung ist vermutlich häufig die Darm-Blasen-Achse: Bei gestörter Darmbarriere, Immunsuppression, häufigem Antibiotikaeinsatz oder chirurgischen Eingriffen können Bakterien aus dem Darm (und über die Nachbarschaft auch aus der Vaginalflora) in die Harnwege übersiedeln, wobei der wiederholte Antibiotikaeinsatz selbst zum Problem beitragen kann, weil er auch die schützende Mikrobiota vermindert. [8] Konkrete, leitliniengestützte Behandlungsansätze für diese Dysbiose gibt es bislang nicht; ich gehe aber auf einzelne Ansätze im Artikel zur Behandlung der chronischen Blasenentzündung ein, die derzeit Gegenstand der Forschung sind.
Histaminbildende Darmflora und wiederkehrende Harnwegsinfekte: eine aktuelle Studie
Interessant für Menschen mit Histaminintoleranz oder MCAS: Eine aktuelle Untersuchung an 188 Frauen fand einen direkten Zusammenhang zwischen histaminbildender Darmdysbiose und wiederkehrenden unteren Harnwegsinfekten. Die eigentlichen Histaminbildner waren dabei Bakterien wie E. coli, Enterobacter spp. und Clostridium spp. (über das Enzym Histidin-Decarboxylase), bei gleichzeitigem Rückgang der schützenden Lactobacillus- und Bifidobacterium-Stämme. Candida albicans trat in derselben Dysbiose zwar gehäuft mit auf, produziert aber nach aktuellem Kenntnisstand selbst kein Histamin: Die Studie beschreibt ihren Beitrag als indirekt über Stoffwechselprodukte und eine begünstigte Darmpermeabilität, die die Histaminaufnahme ins Blut erleichtern kann. [9] Die veränderte Mikrobiota liefert hier also möglicherweise zusätzliches Histamin als einen weiteren Treiber für die anhaltende Entzündung.
IC/BPS ist per definitionem eine Entzündung ohne pathologische Keime, aber es gibt auch eine erhöhte Anfälligkeit für echte bakterielle, kulturell nachweisbare Harnwegsinfekte bei Menschen mit nicht optimal funktionierenden Immunsystemen. Zum Beispiel können dieselbe zyklusabhängige Immunsuppression, die weiter unten im Hormonabschnitt beschrieben wird, oder eben das veränderte Mikrobiom, wie im vorherigen Absatz beschrieben, bei wiederkehrenden bakteriellen Zystitiden eine Rolle spielen.
Nichtsdestotrotz können daher auch für die bakterielle-Harnwegsinfekt-Gruppe, die Zusammenhänge zwischen Hormonen, Mastzellen und Immunabwehr sowie Blasenmikrobiom interessant sein, sowie eventuell Ansätze für ein Gespräch mit dem urologische Fachpersonal liefern.
Die Urologin Frau Dr. Höfling-Streitenfeld hält jetzt am 8. Juli einen Workshop um 19 Uhr zum Thema wiederkehrende Blasenentzündungen, den ich gerne allen Betroffenen ans Herz legen möchte. Die Plätze sind auf maximal 30 begrenzt, individueller Austausch ist dadurch möglich und es wird, da bin ich sicher, ein sehr lehrreicher Workshop sowohl für Betroffene als auch für Fachpersonal.
Mastzellen in der Blase
Mastzellen befinden sich im ganzen Körper, aber ungleich verteilt. Besonders dicht besiedelt, "infiltriert" im Medizinjargon, sind oft Schleimhäute und bestimmte Organe.
Bei Menschen mit IC/BPS ist diese Dichte nicht einfach nur "erhöht", sondern anhand mehrerer Untersuchungen tatsächlich deutlich höher als bei Kontrollpersonen. Die europäische Fachgesellschaft ESSIC hat daraus sogar ein Diagnosekriterium gemacht: Mehr als 28 Mastzellen pro mm² im Detrusor gelten als typisch für IC/BPS mit Hunner-Läsionen. [11]
Entscheidend ist dabei nicht nur die reine Zahl, sondern der Aktivierungszustand. In einer älteren, aber viel zitierten Untersuchung waren bei IC-Patientinnen über 90 % der Mastzellen aktiviert oder bereits degranuliert, während die Mastzellen bei Kontrollpersonen fast ausschließlich intakt waren. [12]
Wie Histamin Schmerzsignale verstärkt
Hier wird es für das Verständnis der Symptome konkret. Wenn Mastzellen in der Blasenwand degranulieren, setzen sie Histamin frei : Histamin wirkt hier nicht wie bei einer Allergie mit Juckreiz oder Quaddeln, sondern direkt auf die Nervenenden, die die Blase versorgen. Leicht vorstellbar, wie dies somit auch die Schmerzhaftigkeit und Belastung durch diese Erkrankung mit erklärt.
Wen das genauer interessiert: Ich habe vor mehreren Jahren schon einen Artikel geschrieben über den Zusammenhang und vor allen Dingen die ungünstige "Zusammenarbeit" zwischen Mast- und Nervenzellen beim Juckreiz.
Über den Histamin-H1-Rezeptor werden sogenannte TRPV1-Kanäle auf den sensorischen Nervenfasern der Blase sensibilisiert. Das Ergebnis: Diese Nerven reagieren schon bei normaler Blasenfüllung, die eigentlich noch keine schmerzhaft empfundene Dehnung darstellen sollte. [13, 14] Die Blase "lernt" quasi, auf niedrigere Reizschwellen mit Schmerz zu reagieren.
Dazu kommt ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Sensibilisierte Nerven schütten selbst Substanz P und andere Neuropeptide aus, die wiederum Mastzellen zur Degranulation anregen können: Mastzelle und Nervenzellen feuern sich gegenseitig an. [15] In der Fachliteratur heißt das neurogene Entzündung, und sie ist einer der Gründe, warum IC/BPS-Schmerzen so hartnäckig und schwer zu durchbrechen sind.
Die Hormonfrage ist kompliziert
Frauen sind von IC/BPS deutlich häufiger betroffen als Männer, und viele berichten von einer Verschlechterung vor oder rund um die Menstruation. Die nahe liegende Erklärung, die man oft liest oder auch per Social Media verbreitet wird, ist ungefähr wie folgt: "Östrogen aktiviert Mastzellen, also ist hohes Östrogen das Problem". Jedoch greift das meiner Meinung nach oft zu kurz.
Wäre reines Östrogen der Treiber, müsste die follikuläre Phase, also die erste Zyklushäfte, mit ihrem Östrogen-Peak eigentlich die symptomreichste sein... Klinisch ist aber oft das Gegenteil der Fall.
Zwei Erklärungsstränge sind, finde ich, plausibler, wobei die Forschungslage hier alles andere als abgeschlossen ist:
Zum einen könnte die Histamin-Pufferkapazität selbst zyklusabhängig schwanken. Eine Untersuchung an gesunden Frauen fand höhere Diaminoxidase-Werte (DAO, das Enzym, das Histamin abbaut) in der Lutealphase im Vergleich zur Follikelphase, passend zum Progesteronanstieg. [16] Fällt Progesteron perimenstruell ab, könnte parallel auch die DAO-Pufferkapazität genau in dem Moment sinken, in dem lokal im Becken Prostaglandine für die Menstruation selbst ansteigen und bekanntermaßen Mastzellen und Schmerznerven reizen können.
Zum anderen ist Progesteron lokal immunsuppressiv wirksam und sorgt für eine Verschiebung der Immunantwort in Richtung eines Th2-dominierten, insgesamt weniger abwehrstarken Profils. Eine systematische Übersichtsarbeit findet dafür sogar ein "window of vulnerability" nach dem Eisprung, in dem die Immunabwehr durch Progesteron insgesamt gedämpft ist. [17] Das könnte plausibel erklären, warum in dieser Zyklusphase mehr Raum für pathogene oder opportunistische Keime in Darm-, Vaginal und Blasenflora entsteht, die wiederum Mastzellen triggern könnten... Aber gerade für die Hypothese in Bezug auf die Blase habe ich noch keine wissenschaftliche Untersuchung gefunden; und gleichwohl kann Progesteron Mastzellen auch stabilisieren... Unsere Biologie ist leider echt komplex.
Beide Modelle schließen sich nicht aus und erklären besser als die reine "Östrogen-triggert-Mastzellen-Erzählung", warum die Follikelphase trotz hohem Östrogen oft für die Patientinnen symptomärmer verläuft. Dem eigentlichen Zusammenspiel von Zyklus, Hormonen und Mastzellen widme ich noch einen eigenen, tieferen Artikel.
Ideen, oder Fragen dazu? Dann schreib mir bitte in die Kommentare...und die Herren habe ich auch nicht vergessen: Die chronische Prostatitis, die ich auch mit Mastzellerkrankungen zusammenhängen kann, wird ebenfalls noch beleuchtet!
Wo IC/BPS und MCAS überlappen und wo nicht
Die Mastzellbeteiligung bei IC/BPS ist gut belegt. Trotzdem ist wichtig, das nicht gleichzusetzen: Nicht jede interstitielle Zystitis ist Ausdruck eines Mastzellaktivierungssyndroms, und nicht jedes MCAS führt zu Blasensymptomen. Was die Literatur zeigt, ist eine deutliche Häufung von Komorbiditäten: Nicht wenige IC/BPS-Patientinnen benennen zusätzlich ein Reizdarmsyndrom als eine ihrer häufigsten Begleiterkrankungen, ebenfalls ist Migräne sehr häufig. [18] Das passt zum typischen MCAS-Bild multipler betroffener Organsysteme, ist aber kein Beweis für einen gemeinsamen Mechanismus in jedem Einzelfall.
In der Praxis achte ich deshalb auf das Gesamtbild: Treten die Blasenbeschwerden zusammen mit anderen histamin- oder mastzellassoziierten Symptomen auf, wie Flush, Reizdarm oder Unverträglichkeiten, die sich schubweise verschlechtern? Reagiert die Blase auf dieselben Trigger wie andere Organe (bestimmte Lebensmittel, Stress, Infekte)? Das sind für mich die Hinweise, die eine differenzierte Abklärung in Richtung MCAS rechtfertigen, statt die Symptome isoliert als "nur urologisch" zu behandeln.
Was das für die Behandlung bedeutet
Wenn der Pathomechanismus auf erhöhten, aktivierten Mastzellen und histamingetriebener Nervensensibilisierung basiert, dann könnte daraus therapeutisch geschlussfolgert werden, die Mastzellaktivität selbst zu adressieren, die Reizschwelle der Nerven zu senken und die geschädigte Schutzschicht der Blase zu unterstützen. Wie das konkret evidenzbasiert-naturheilkundlich aussehen könnte, findest du in meinem Artikel zur Behandlung der interstitiellen Zystitis.
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Bei Fragen und Anregungen melde dich gerne, am besten direkt in den Kommentaren: Danke!
Eine möglichst beschwerdefreie Woche,
deine Lisa
Quellen
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https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371%2Fjournal.pone.0143316 - Horie M, Akiyama Y, Katoh H, et al. APRIL/BAFF upregulation is associated with clonal B-cell expansion in Hunner-type interstitial cystitis. J Pathol. 2024;264(4):383-395. doi:10.1002/path.6353
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