TL;DR: Palmitoylethanolamid (PEA) ist ein körpereigenes Fettsäureamid, das bei Gewebestress gebildet wird und Entzündung und Schmerz dämpft. Im Labor und im Tiermodell dämpft es Mastzellen über die Rezeptoren CB2 und PPAR-alpha. Am besten belegt ist der Nutzen bei Schmerzen, vor allem Nervenschmerzen. Bei Reizdarm und Endometriose gibt es erste Studien, meist mit Polydatin kombiniert. Ein Selbstversuch kann sinnvoll sein, wenn Schmerzen im Vordergrund stehen und die Beschwerden ärztlich abgeklärt sind. Geduld ist nötig und eine ärztliche Begleitung ratsam.
Palmitoylethanolamid (PEA) ist unserem Körper gar nicht fremd, weil es sich tatsächlich um eine körpereigene Substanz handelt. PEA ist ein Fettsäureamid, das unser Körper bei Gewebestress selbst herstellen kann. Es verfügt über entzündungshemmende, schmerzlindernde und neuroprotektive Eigenschaften.
Wenn dem so ist, warum müssen wir es dann von außen zugeben? Wird es vielleicht nicht in ausreichender Menge gebildet?
Bildet der Körper zu wenig PEA oder wo liegt das Problem?
Die Studienlage ist leider nicht eindeutig. Ob bei Mastzellerkrankungen zu wenig PEA gebildet wird, ist nach unserer Recherche bisher nicht untersucht. Bei einigen Erkrankungen scheint die Freisetzung von PEA gestört, wie zum Beispiel beim Reizmagen (funktionelle Dyspepsie), was die Aktivierung von Mastzellen durch Säure begünstigt [1]. Man kann das als ersten Hinweis nehmen, dass ein PEA-Mangel bei mastzellvermittelten Beschwerden eine Rolle spielen kann.
Bei Entzündungen und Nervenschäden im Rahmen der diabetischen Neuropathie sinken zum Beispiel die zellulären PEA-Spiegel nachweislich [2]. Aber auch das Gegenteil kann beobachtet werden: in einer Studie an Hunden mit atopischer Dermatitis waren die PEA-Spiegel erhöht. Die Autoren vermuten, dass es sich hierbei um einen körpereigenen Gegenmechanismus handelt [3].
Warum man PEA von außen ergänzt
Ob die Supplementierung einen Mangel ausgleichen soll oder ob der Fokus auf dem Wirkstoff liegt, ist vermutlich zweitrangig. Der Körper produziert PEA bedarfsweise und speichert es nicht. Die in den Studien verabreichten Dosen liegen bei 300 bis 1200 mg pro Tag [4] und werden als Wirkstoff eingesetzt, der Nerven und Mastzellen dämpfen soll. Die dämpfende Wirkung von PEA konnte bereits in Zellversuchen nachgewiesen werden [5]. In Tierversuchen verringerte PEA die Mastzell-Degranulation (= Freisetzung von Botenstoffen aus den Mastzellen) und den Entzündungsschmerz [6].
In Zellversuchen von 1995 [5] ging man davon aus, dass der CB2-Rezeptor, auch Cannabinoid-Rezeptor 2 genannt, für die dämpfende Wirkung verantwortlich sei. Bei dem Rezeptor handelt es sich um einen Andockpunkt auf der Oberfläche von Zellen. Sobald bestimmte Botenstoffe andocken, erhält die Zelle ein Signal. Dieser spezifische Rezeptor reguliert Entzündung, Schmerz und Immunreaktionen mit. Wenn er aktiviert wird, indem zum Beispiel PEA andockt, fährt die Immunzelle ihre Aktivität eher herunter.
Eine aktuellere Studie [1] legt nahe, dass ein anderer Rezeptor ebenfalls eine Rolle zu spielen scheint, und zwar der Peroxisome Proliferator-Activated Receptor (PPAR) in der alpha-Variante. Dieser Rezeptor sitzt im Zellkern, nicht an der Oberfläche, und er steuert hauptsächlich, wie der Körper Fette verwertet. Er besitzt aber ebenfalls die Fähigkeit, entzündungsfördernde Gene herunterzuregulieren. Die Studie [1] konnte nachweisen, dass PEA im Dünndarm die Mastzellaktivierung über PPAR-alpha hemmte. Bei Mäusen ohne PPAR-alpha-Rezeptor hatte PEA keine Wirkung.
So weit, so vielversprechend. Ein plausibler Mechanismus ist allerdings noch kein Wirksamkeitsnachweis. Bisher gibt es lediglich Zellstudien, Tiermodelle und Gewebeproben. Bevor wir uns anschauen, wer wie von PEA profitieren könnte oder nicht, ein kurzer Exkurs zum Thema Small-Fibre-Neuropathie.
Was ist Small-Fibre-Neuropathie?
Die Small-Fibre-Neuropathie ist eine Form der Polyneuropathie (Erkrankung des peripheren Nervensystems), die ausschließlich die kleinen vegetativen und sensiblen Nervenfasern betrifft. Die betroffenen Nervenfasern sind dafür verantwortlich, Schmerz und Temperatur zu übertragen und übernehmen autonome Funktionen wie Schwitzen, Verdauung oder Blutdruckregulierung.
Die Erkrankung zeigt sich mit unterschiedlichen Symptomen, oft durch einen brennenden, stechenden Schmerz, Taubheit, Kribbeln oder Temperaturempfindlichkeit. Zu den autonomen Symptomen gehören übermäßiges Schwitzen, Veränderungen der Herzfrequenz oder Magen-Darm-Probleme.
Small Fibre Neuropathie tritt oft im Zusammenhang mit Diabetes, POTS, Autoimmunerkrankungen oder genetischen Störungen auf.
Wo PEA helfen kann
Am besten untersucht ist die Gabe von PEA bei Schmerzen. Ein Review von 2024 [7] vergleicht 47 Studien zur Gabe von PEA bei verschiedenen Erkrankungen. Für uns besonders interessant sind Zusammenhänge zu folgenden (Begleit-)Erkrankungen:
- Neuropathische Schmerzen: In einer randomisierten und placebokontrollierten Studie an 70 Menschen mit diabetischer Neuropathie senkten 600 mg PEA pro Tag über acht Wochen Nervenschmerzen und Entzündungswerte. Gleichzeitig verbesserten sich sowohl die Stimmung als auch der Schlaf [2]. Eine retrospektive Studie [8] zeigte einen Nutzen bei Fibromyalgie mit vermuteter Small-Fibre-Neuropathie. Hier wurde neben PEA allerdings auch Acetyl-L-Carnitin eingesetzt.
- Darmprobleme: In einer placebokontrollierten Studie [9] an 54 Reizdarmpatienten und 12 gesunden Kontrollpersonen wurde PEA in Kombination mit Polydatin getestet. Obwohl das biologische Profil der Reizdarmpatienten mit mehr Mastzellen im Darm und einem erhöhtem Vorkommen des Cannabinoid-Rezeptors 2 (CB2) nach Gabe von Polydatin und PEA unverändert blieb, gaben die Betroffenen eine deutliche Schmerzreduktion im Abdomen an. Eine weitere Studie [10] setzte ebenfalls die Kombination von PEA und Polydatin ein. Dieses Mal bei Kindern mit Reizdarmsyndrom. Auch hier zeigten die Ergebnisse eine deutliche Besserung der Symptome bis hin zur Remission unter dieser Kombination.
- Endometriose: Eine Metaanalyse [11] von vier Studien ergab eine klinisch relevante Besserung von Beckenschmerzen und Regelschmerzen durch die Gabe von 400 mg PEA mit Polydatin zwei Mal täglich über drei Monate. Leider waren die vier Studien von eher geringer Qualität.
Zu Mastzellaktivierung (MCAS) selbst konnte ich leider keine kontrollierte Studie finden. Die Hoffnung beruht auf dem Mechanismus und den Studien zu Erkrankungen, in denen ebenfalls Mastzellen beteiligt sind. Aber das kennen wir ja schon von anderen Recherchen ;)
Nebenwirkungen von PEA
Die meisten Untersuchungen schreiben, dass das PEA gut verträglich sei und die Nebenwirkungsrate der Placebogruppe gleicht. Im Paper zur diabetischen Polyneuropathie werden als "adverse events" in der PEA-Gruppe, also mögliche Nebenwirkungshinweise, Kopfschmerzen und Verstopfung in jeweils einem Fall beschrieben. [2] Fairerweise muss man allerdings sagen, dass uns vielfach aber noch Daten und Langzeituntersuchungen fehlen.
PEA: Ultramikronisiert oder mikronisiert?
PEA wird eher schlecht vom Darm aufgenommen und ist lipophil, also schlecht wasserlöslich. Wir wissen aus Tierversuchen, dass eine Vermahlung in kleinere Partikel mit höheren Spiegeln und anscheinend auch stärkerer Symptomlinderung einhergeht, wie in einem Beispiel von Ratten mit Carrageen-induziertem Pfotenödem. [12] Allerdings gibt es keinen allgemeingültigen pharmazeutischen Standard zur Partikelgröße.
In der oben genannten Studie überlappten sich die angegebenen Größenbereiche von mikronisiertem und ultramikronisiertem PEA teilweise: Ultramikronisiertes PEA bestand aus Partikeln von 0,8–6 µm, mikronisiertes aus Partikeln von 2–10 µm.
Wahrscheinlich ist es sinnvoll, auf eine möglichst kleine Partikelgröße zu achten und das PEA mehrfach über den Tag verteilt einzunehmen, am besten zu fettreicheren Mahlzeiten. Grund dafür ist die schlechte Wasserlöslichkeit, und Galle hilft meist, solche Substanzen aufzunehmen. Für PEA selbst gibt es dazu allerdings keine Daten, sondern das wären Überlegungen aus den Erfahrungen mit ähnlichen Substanzen heraus.
Fazit. Soll ich oder soll ich nicht?
Wie immer gibt es darauf keine Pauschalantwort. Jeder von uns hat seine eigene, ganz individuelle Krankheitsgeschichte. Allgemein lässt sich sagen, dass PEA eine plausible biologische Begründung hat, in den bisher publizierten Studien eine gute Verträglichkeit zeigt und durchaus in manchen Fällen schmerzlindernd zu wirken scheint.
Ein Versuch kann sinnvoll sein, wenn bei dir Schmerzen oder Missempfindungen im Vordergrund stehen und deine Beschwerden bereits ärztlich abgeklärt sind. Wie bei vielen anderen Substanzen ist aber Geduld gefragt, eine Wirkung zeigt sich oft erst nach vielen Wochen.
Falls du ein PEA-Präparat ausprobieren möchtest, dann geh am besten so vor:
- Rücksprache mit medizinischem Fachpersonal.
- Eins nach dem anderen: Starte nicht zeitgleich mit mehreren neuen Präparaten.
- Inhaltsstoffe prüfen: Achte unbedingt auf mögliche Zusatzstoffe in dem PEA-Präparat, die unverträglich sein könnten.
- Beobachten: Führe ein Symptomtagebuch über mehrere Wochen.
- Absetzen und abklären, wenn es dir plötzlich schlechter geht oder Symptome auftreten.
PEA ist unserer Ansicht nach ein durchaus interessanter Kandidat für einen Versuch. Du solltest aber keine Wunder erwarten und dich therapeutisch begleiten lassen und auch immer Wechselwirkungen prüfen.
Hast du schon Erfahrungen gemacht? Teil es doch gerne in den Kommentaren. Danke!
Referenzen
[1] Sarnelli G, Pesce M, Seguella L, Lu J, Efficie E, Tack J, Elisa De Palma FD, D'Alessandro A, Esposito G. Impaired Duodenal Palmitoylethanolamide Release Underlies Acid-Induced Mast Cell Activation in Functional Dyspepsia. Cell Mol Gastroenterol Hepatol. 2021;11(3):841-855. doi: 10.1016/j.jcmgh.2020.10.001. Epub 2020 Oct 14. PMID: 33065341; PMCID: PMC7858681.
[2] Pickering E, Steels EL, Steadman KJ, Rao A, Vitetta L. A randomized controlled trial assessing the safety and efficacy of palmitoylethanolamide for treating diabetic-related peripheral neuropathic pain. Inflammopharmacology. 2022 Dec;30(6):2063-2077. doi: 10.1007/s10787-022-01033-8. Epub 2022 Sep 4. PMID: 36057884; PMCID: PMC9700575.
[3] Abramo F, Campora L, Albanese F, della Valle MF, Cristino L, Petrosino S, Di Marzo V, Miragliotta V. Increased levels of palmitoylethanolamide and other bioactive lipid mediators and enhanced local mast cell proliferation in canine atopic dermatitis. BMC Vet Res. 2014 Jan 14;10:21. doi: 10.1186/1746-6148-10-21. PMID: 24423192; PMCID: PMC3923739.
[4] Artukoglu BB, Beyer C, Zuloff-Shani A, Brener E, Bloch MH. Efficacy of Palmitoylethanolamide for Pain: A Meta-Analysis. Pain Physician. 2017 Jul;20(5):353-362. PMID: 28727699.
[5] Facci L, Dal Toso R, Romanello S, Buriani A, Skaper SD, Leon A. Mast cells express a peripheral cannabinoid receptor with differential sensitivity to anandamide and palmitoylethanolamide. Proc Natl Acad Sci U S A. 1995 Apr 11;92(8):3376-80. doi: 10.1073/pnas.92.8.3376. PMID: 7724569; PMCID: PMC42169.
[6] De Filippis D, Luongo L, Cipriano M, Palazzo E, Cinelli MP, de Novellis V, Maione S, Iuvone T. Palmitoylethanolamide reduces granuloma-induced hyperalgesia by modulation of mast cell activation in rats. Mol Pain. 2011 Jan 10;7:3. doi: 10.1186/1744-8069-7-3. PMID: 21219627; PMCID: PMC3034677.
[7] Bortoletto R, Comacchio C, Garzitto M, Piscitelli F, Balestrieri M, Colizzi M. Palmitoylethanolamide supplementation for human health: A state-of-the-art systematic review of Randomized Controlled Trials in patient populations. Brain Behav Immun Health. 2024 Dec 23;43:100927. doi: 10.1016/j.bbih.2024.100927. PMID: 39839988; PMCID: PMC11745966.
[8] Bentivenga C, Cicero AFG, Fogacci F, Politi NE, Di Micoli A, Cosentino ER, Gionchetti P, Borghi C. Retrospective Evaluation of L-Acetyl Carnitine and Palmitoylethanolamide as Add-On Therapy in Patients with Fibromyalgia and Small Fiber Neuropathy. Pharmaceutics. 2025 Jul 31;17(8):1004. doi: 10.3390/pharmaceutics17081004. PMID: 40871024; PMCID: PMC12389737.
[9] Cremon C, Stanghellini V, Barbaro MR, Cogliandro RF, Bellacosa L, Santos J, Vicario M, Pigrau M, Alonso Cotoner C, Lobo B, Azpiroz F, Bruley des Varannes S, Neunlist M, DeFilippis D, Iuvone T, Petrosino S, Di Marzo V, Barbara G. Randomised clinical trial: the analgesic properties of dietary supplementation with palmitoylethanolamide and polydatin in irritable bowel syndrome. Aliment Pharmacol Ther. 2017 Apr;45(7):909-922. doi: 10.1111/apt.13958. Epub 2017 Feb 6. PMID: 28164346.
[10] Di Nardo G, Bernardo L, Cremon C, Barbara G, Felici E, Evangelisti M, Ferretti A, Furio S, Piccirillo M, Coluzzi F, Parisi P, Mauro A, Di Mari C, D'Angelo F, Mennini M. Palmitoylethanolamide and polydatin in pediatric irritable bowel syndrome: A multicentric randomized controlled trial. Nutrition. 2024 Jun;122:112397. doi: 10.1016/j.nut.2024.112397. Epub 2024 Feb 15. PMID: 38479039.
[11] Indraccolo U, Indraccolo SR, Mignini F. Micronized palmitoylethanolamide/trans-polydatin treatment of endometriosis-related pain: a meta-analysis. Ann Ist Super Sanita. 2017 Apr-Jun;53(2):125-134. doi: 10.4415/ANN_17_02_08. PMID: 28617258.
[12] Petrosino S, Cordaro M, Verde R, Schiano Moriello A, Marcolongo G, Schievano C, Siracusa R, Piscitelli F, Peritore AF, Crupi R, Impellizzeri D, Esposito E, Cuzzocrea S, Di Marzo V. Oral Ultramicronized Palmitoylethanolamide: Plasma and Tissue Levels and Spinal Anti-hyperalgesic Effect. Front Pharmacol. 2018 Mar 20;9:249. doi: 10.3389/fphar.2018.00249. Erratum in: Front Pharmacol. 2024 Jun 18;15:1441203. doi: 10.3389/fphar.2024.1441203. PMID: 29615912; PMCID: PMC5870042.