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Eine Verbindung zwischen Histamin, Mastzellen (MCAS), Endometriose & Blasenbeschwerden (IC)?

Mastzellen finden sich nicht nur gehäuft im Dienzephalon (also im Zwischenhirn), welches für die Emotionssteuerung mitverantwortlich ist, sondern auch in hoher Anzahl in Blase, Prostata, Penis, Vagina und Uterus (also der Gebärmutter) – allerdings finden in diesen Organen nur selten allergische Reaktionen statt.

Welche Rollen spielen Mastzellen also im Urogenitaltrakt, konkret in der Blase und den Geschlechtsorganen? Und was bedeutet das für die Unterscheidung und Zusammenhänge von Reizdarm-Betroffenen, Personen mit chronischen Beckenschmerzen, Endometriose und interstitieller Zystitis?

Mastzellen können muskelzusammenziehende, gefäßerweiternde und entzündungsfördernde Substanzen ausschütten, die z.B. zu Kontraktionen der Gebärmutter führen. Es mehren sich die Hinweise, dass Mastzellen bei chronisch-schmerzhaften Blasenproblemen, der sog. Interstitiellen Zystitis (kurz: IC), bei der Endometriose und der abakteriellen, nicht viralen Prostataentzündung eine Rolle spielen.1

Rolle von Mastzellen bei Endometriose

Bei der Endometriose kommt es zu einer Ansiedelung von Gebärmutterschleimhaut-ähnlichen Herden im Bauchraum. Diese bauen sich monatlich unter Hormoneinfluss auf und bluten zusammen mit dem Eintritt der Periode ab. Dies kann zu Blut- bzw. Flüssigkeitsansammlungen im Bauchraum führen – je nach Größe der Herde. Die Erkrankung kann starke Schmerzen verursachen und das Arbeits- und Beziehungsleben der Patientinnen stark einschränken.

In einer Untersuchung fand sich besonders im Endometriosegewebe schwer betroffener Patientinnen (Grad IV – tief infiltrierend) eine erhöhte Anzahl von Mastzellen, die teils degranuliert waren, das heißt, die bereits ihre entzündungsfördernden Botenstoffe wie Histamin und Leukotriene freigesetzt haben.

Die Verfassenden der Forschungsarbeit denken, dass die Menge an degranulierten Mastzellen eine Rolle beim Schmerzempfinden spielt, da sie vor allem bei den am stärksten von Schmerzen Betroffenen vorkamen. Für Patientinnen mit einer erhöhten Anzahl an Mastzellen scheint Endometriose also besonders schmerzhaft zu sein.2

Zwischen Mastzellen und Nervenzellen, die den Schmerz vermitteln, damit wir ihn wahrnehmen, konnte schon an vielerlei Orten im Körper ein Zusammenhang dargestellt werden. So spielen Nerven und Mastzellen auch bei der Vermittlung von Juckreiz zusammen.3,4

Stresshormone beeinflussen Endometriose & Mastzellen negativ

In einem Rattenmodell hat sich gezeigt, dass Stress Endometriose verstärkt.5 Stress ist mit der Freisetzung von bestimmten Hormonen und Botenstoffen verbunden, die das Immunsystem beeinflussen. Hormonell betrachtet kommt es zu einer verstärkten Ausschüttung des Stresshormones CRH (Corticotropin-Releasing Hormone) aus dem Hypothalamus, welches über die Hypophyse die Nebennieren anregt, mehr Cortisol und Adrenalin freizusetzen.

Mastzellen haben wiederum CRH-Rezeptoren und reagieren auf die vermehrte Ausschüttung dieses Hormons. Dies ist einer der Mechanismen, mit denen vermehrter Stress zu gesteigerter Mastzelldegranulation führen kann. Freigesetzte Botenstoffe, Mediatoren genannt, können neben Histamin auch Wachstumsfaktoren sein, die sich bei Endometriose im umliegenden Gewebe besonders ungünstig auswirken, da diese die Bildung neuer Herde fördern können.

Aus diesem Grund können Entspannungsverfahren und Achtsamkeitstraining für Betroffene mit Mastzellaktivierung und chronischen Schmerzen sinnvoll sein, um die Entzündungsrektionen abzumildern. Die Artikel zu Hypnose bei Autoimmunerkrankungen, bzw. bei Allergien und histaminvermittelten Erkrankungen beschäftigen sich näher mit den Zusammenhängen von Stress und Immunsystemsfunktion.

Histamin-vermittelte Symptome bei MCAS & HIS: Durchfall, Kopfschmerzen, Blutdruckabfall, Flush
Histamin-vermittelte Symptome bei MCAS & HIS

Histamin kann Regelschmerzen beeinflussen

Mastzellen setzen eine Vielzahl von Botenstoffen frei. Die wichtigsten werden in diesem Artikel zu Mastzellerkrankungen beschrieben und erklärt.

Einer dieser Botenstoffe ist Histamin, welches die Schmerzschwelle senken kann: Der Schmerz wird nicht nur stärker wahrgenommen, sondern auch die lokalen Entzündungsreaktionen können durch Histamin und andere Mediatoren negativ beeinflusst werden.6 Daher profitieren manche Patientinnen, die unter Regelschmerzen leiden – im Fachjargon Dysmenorrhoe – von einer histaminreduzierten Kost.

Teilweise treten auch das Histaminintoleranz-Syndrom(HIS), ein Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) und Unverträglichkeiten gepaart mit Endometriose auf, sodass es hier wichtig ist, dass eine tiefgehende Differentialdiagnostik erfolgt.

Blasenprobleme, Unterleibsschmerzen und interstitielle Zystitis (IC)

Chronische Unterleibsbeschwerden, Beckenschmerzen, Blasen- und Beckenbodenbeschwerden treten häufig gemeinsam auf bzw. hängen miteinander zusammen. Dies ist nicht verwunderlich, führen doch konstanter Blasenschmerz und Harndrang zu einer Verkrampfung des Beckenbodens, die ihrerseits dann auch wieder Schmerzen hervorrufen kann.

Langanhaltende Schmerzen beim Wasserlassen ohne Hinweise auf einen Infekt, sehr häufiges Wasserlassen, starker Harndrang und mit der Zeit eventuell sogar abnehmendes Blasenvolumen sind Symptome der sogenannten interstitiellen Zystitis (kurz „IC“ vom englischen „Interstitial Cystitis“).

Eventuell spielen bei der IC Mastzellen eine wesentliche Rolle, da diese im Blasengewebe von Erkrankten häufiger zu sein scheinen. Dementsprechend werden als Therapie Medikamente wie Antihistaminika eingesetzt, die die Wirkung von Histamin im Körper am H1-Rezeptor blockieren.

Ebenfalls wird vermutet, dass bestimmte Autoantikörper bei der Entstehung einer IC beteiligt sein könnten. Das bedeutet, dass sich das eigene Immunsystem gegen körpereigene Zellen oder Bestandteile richtet – dies wird in der Fachsprache auch Autoimmunerkrankung genannt.

In der Gesamtheit betrachtet sind mehr IC-Betroffene weiblich. Autoimmunerkrankungen treten nicht nur bei diesen Patienten selbst, sondern auch in deren Familien gehäuft auf.

Interstielle Zystitis Betroffene sind öfter weiblich, aber Männer können betroffen sein.

Vor allem ein Antikörper steht in Verdacht, ursächlich an der Entstehung dieser schmerzhaften Erkrankung beteiligt zu sein. Dabei handelt es sich um den muskarinergen M3-Rezeptor Antikörper, der besonders häufig bei Patientinnen und Patienten mit Sjögren-Syndrom, also einer Autoimmunerkrankung, vorkommt.7

Betroffene profitieren, wenn eine Mastzellerkrankung wie das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS), Allergien und anderen Unverträglichkeiten vorliegen, in Bezug auf die IC-Symptomatik oftmals von der Therapie dieser Grunderkrankungen. Ebenfalls kann eine histaminarme Diät hilfreich sein, wenn ein Histaminintoleranz-Syndrom vorliegt.

Die Abklärung von Reizdarmbeschwerden, ob eine Unverträglichkeit, Allergie oder Intoleranz vorliegt, ist besonders wichtig, da es zwischen Darm und Blase Wechselwirkungen gibt: Ebenso wie bei Patientinnen und Patienten mit Reizdarmbeschwerden gibt es auch Auffälligkeiten im Darmmikrobiom bei Personen mit interstitieller Zystitis. So fanden sich z.B. signifikant reduzierte Level von Eggerthella sindensis, Faecalibacterium prausnitzii und Lactonifactor longoviformi.8

Der Einfluss von Geschlechtshormonen auf Mastzellen

Mastzellen haben ebenfalls Geschlechtshormonrezeptoren, d.h. auch andere Hormone, abseits von CRH (Corticotropin-freisetzendes Hormon), können Mastzellen zum Degranulieren bringen. Dies scheint insbesondere für das weibliche Östrogen der Fall zu sein.9

Zumindest in Eierstöcken von Ratten führen auch die Vorhormone LH (Luteinisierendes Hormon) und FSH (Follikelstimulierendes Hormon) zu vermehrter Degranulation von Mastzellen. LH und FSH sind unter anderem für die Anregung der Eierstöcke oder Hoden verantwortlich. 9

Menschliche Mastzellen besitzen andererseits Testosteron- und Progesteron-Rezeptoren, die eher einen stabilisierenden Effekt auf Mastzellen auszuüben scheinen, wobei auch hier die Rolle dieser Hormone, ähnlich wie beim Östrogen, nicht vollständig verstanden ist.

Mastzellen & Histamin: Einfluss auf Libido & sexuelle Erregung?

Mastzellmediatoren, also die freigesetzten Botenstoffe der Mastzelle, spielen eine Rolle bei sexueller Erregung. Histamin scheint sich bei diesen Vorgängen besonders hervorzutun und bei manchen Personen wie eine Art Aphrodisiakum zu wirken.

Das könnte laut dem „Mastcellmaster“ Prof. Theoharides und seiner Kollegin Stewart der Grund dafür sein, warum es Anekdoten von Patientinnen und Patienten mit erhöhter Mastzellaktivität und gesteigertem Sexualtrieb gibt.1

Sicher ist aber eines: Libido, Sexualtrieb und alles weitere Zwischenmenschliche lassen sich weder mit Mastzellen noch mit Hormonen vollständig erklären – dennoch ist es interessant, welche Verbindungen sich finden lassen. 😉

Fazit

Bei Betroffenen mit chronischen Unterbauchschmerzen, ist es wichtig, eine genaue Differentialdiagnostik zu betreiben. Bei Patientinnen sollte zudem in Erwägung gezogen werden, dass Endometriose vorhanden sein kann, vor allem wenn es sich um zyklisch auftretende Schmerzen handelt, die mit der Regelblutung korrelieren.

Bei chronisch auftretenden Schmerzen beim Wasserlassen ohne bakterielle Infektionen, Harndrang und Blasenschmerzen sollte zudem an die interstitielle Zystitis gedacht werden. Ganz besonders dann, wenn zusätzlich noch Autoimmunerkrankungen oder eine Mastzellerkrankung vorliegen. In den Fällen kann dann auch eine entsprechende Diät und Therapie versucht werden, die die Freisetzung von Mastzellmediatoren vermindert.

Diese Erkrankungen können neben einem Reizdarmsyndrom vorliegen und es ist bei diesem Betroffenen-Cluster nicht unüblich gleichzeitig „Läuse und Flöhe“ zu haben.

Generell ist es wichtig, dass die entsprechenden Fachrichtungen, also Gynäkologie, Urologie, Allergologie und Gastroenterologie, zusammenarbeiten. Bei Autoimmunerkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis kann zudem die Rücksprache mit dem betreuenden Rheumatologen/Rheumatologin essenziell sein, um die generelle Krankheitslast positiv zu beeinflussen.

Quellen

1.            Theoharides TC, Stewart JM. Genitourinary mast cells and survival. Translational Andrology and Urology. 2015;4(5):579-586-586. Accessed October 26, 2018. http://tau.amegroups.com/article/view/8089

2.            Anaf V, Chapron C, El Nakadi I, De Moor V, Simonart T, Noël JC. Pain, mast cells, and nerves in peritoneal, ovarian, and deep infiltrating endometriosis. Fertil Steril. 2006;86(5):1336-1343. doi:10.1016/j.fertnstert.2006.03.057

3.            Gupta K, Harvima IT. Mast cell-neural interactions contribute to pain and itch. Immunol Rev. 2018;282(1):168-187. doi:10.1111/imr.12622

4.            Babina M. The pseudo-allergic/neurogenic route of mast cell activation via MRGPRX2: discovery, functional programs, regulation, relevance to disease, and relation with allergic stimulation. Itch. 2020;5(2):e32. doi:10.1097/itx.0000000000000032

5.            Cuevas M, Flores I, Thompson KJ, Ramos-Ortolaza DL, Torres-Reveron A, Appleyard CB. Stress Exacerbates Endometriosis Manifestations and Inflammatory Parameters in an Animal Model. Reprod Sci. 2012;19(8):851-862. doi:10.1177/1933719112438443

6.            Obara I, Telezhkin V, Alrashdi I, Chazot PL. Histamine, histamine receptors, and neuropathic pain relief. Br J Pharmacol. 2020;177(3):580-599. doi:10.1111/bph.14696

7.            Van De Merwe, P J. Interstitial cystitis and systemic autoimmune diseases. Nat Rev Urol. 2007;4(9):484-491. doi:10.1038/ncpuro0874

8.            Braundmeier-Fleming A, Russell NT, Yang W, et al. Stool-based biomarkers of interstitial cystitis/bladder pain syndrome. Sci Rep. 2016;6:26083. doi:10.1038/srep26083

9.            Zierau O, Zenclussen AC, Jensen F. Role of female sex hormones, estradiol and progesterone, in mast cell behavior. Front Immunol. 2012;3. doi:10.3389/fimmu.2012.00169

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Heilpraktikerin in eigener Praxis, Hypnosetherapeutin, Besitzerin eines verrückten Immunsystems mit autoimmunen Spezialeffekten, die sie nach ihrem Studium mit ebensolcher Hingabe medizinische anstatt wirtschaftswissenschaftlicher Abhandlungen wälzen lassen. Wenn ihre Gelenke und Mastzellen es zulassen: begeisterte Heimwerkerin

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4 Kommentare

  1. Liebe Lisa.
    Ich bin immer wieder tief beeindruckt von deiner Arbeit. Du leistest eine Aufklärungsarbeit, die unwahrscheinlich wertvoll ist. Es ist so wichtig, Zusammenhänge aufzuzeigen, was für eine entscheidende Rolle die Mastzellproblematik spielt, die bei den meisten Ärzten noch nicht in die Diagnose miteinbezogen wird… Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung…
    Nochmals Danke für deine Arbeit. Eri

  2. Liebe Lisa, danke für deinen Beitrag!
    Bei welchem Arzt/ welcher Ärztin kann ich eine Mastzellaktivierungsstörung diagnostizieren lassen? Welche ärzliche Fachrichtung ist dafür nötig?
    Danke und liebe Grüße,
    Anne

    • Hallo Anne,
      am besten ist oftmals, sich an die Fachrichtung zu wenden, in die deine Hauptbeschwerden fallen. Vielleicht bittest du auch einfach deinen Hausarzt um Hilfe, da diese bei der Betreuung eine essenzielle Rolle spielen.

      Alles Gute!
      Liebe Grüße
      Lisa

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