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Tipps für eine gute Beziehung trotz chronischer Erkrankung

Liebesbeziehungen zu führen ist auch unter normalen Umständen nicht immer leicht. Zwei Menschen, die unterschiedlich denken, fühlen und sich lieben, entscheiden sich, einander zu bereichern, aber gleichermaßen auch Kompromisse einzugehen. Besonders groß können die Kompromisse sich anfühlen, wenn einer der Partner chronisch erkrankt ist. Das stellt oftmals auch ein bis dato gut funktionierendes Gefüge auf den Kopf.

Als chronisch kranke Therapeutin erlebe ich das nicht nur bei Patienten, sondern auch meine eigene Beziehung musste und muss sich weiterhin meinen krankheitsbedingten Limitationen anpassen. Hier sind meine Tipps, wie eine glückliche Beziehung für beide Partner gelingen kann.

„Mein Mann (oder meine Frau) kann nicht damit umgehen, dass ich krank bin“

Oftmals kommt diese Aussage von chronisch erkrankten Personen, die in einer Beziehung sind, die vor der chronischen Erkrankung begonnen hat und die nun ihrer Rolle nicht mehr gerecht werden können. Zukunftspläne müssen angepasst werden oder können vielleicht gar nicht mehr umgesetzt werden. Die chronische Erkrankung setzt der Beziehung dadurch fundamental zu. Häufig ist es aber nicht nur der/die Partner/in, der durch diese neue Beziehungssituation gefordert ist, sondern auch die eigene Identität und Selbstwahrnehmung leidet darunter.

Daher ist die Aussage: „Mein Mann oder meine Frau kann nicht damit umgehen, dass ich krank bin“ wahrscheinlich sogar teilweise korrekt. Aber kann man es dem Partner verdenken? Kann ich denn mit meiner chronischen Erkrankung selbst gut umgehen? Trauere ich nicht vielleicht auch meinem alten Leben hinterher und entwickle Zukunftsängste? Vielleicht ist man sich als Paar in Gedanken doch näher, als man glaubt, aber jeder drückt seine Hilflosigkeit anders aus.

Und die Frage ist, was heißt „nicht damit umgehen können“?

Vorab: Sollte jemand übergriffig werden, sei es physisch oder psychisch, Aggressionen zeigen oder Druck ausüben, dann ist dies immer ein guter Grund, eine Beziehung zu beenden. Denn dann hat eine/r offensichtlich falsche Vorstellungen von einer gleichberechtigten, positiven Beziehung und überschreitet Grenzen.

Man sollte aber nicht erwarten, dass eine durch Krankheit ausgelöste gravierende Veränderung des alltäglichen Lebens (und vielleicht auch der finanziellen Situation) spurlos am Partner vorbeigeht. Nicht nur extreme Situationen, wie der Tod eines Familienmitglieds, hinterlassen Wunden, sondern auch ein Jobverlust oder eben die Erkrankung eines Menschen, den man liebt. Daher ist es verständlich, wenn auch die emotionale Stärke des Gegenparts ins Wanken gerät.

Gerade, wenn man selbst der chronisch erkrankte Teil ist und bspw. starke Schmerzen und Zukunftsängste erleidet, fällt es oft schwer, sich in den Partner hineinzuversetzen, da dieser erst einmal eher peripher betroffen scheint. Oft ist dieser „gesünder“ und hat dieser keine chronische Erkrankung oder chronische Schmerzen. Aber manchmal hilft es sich in den „fitten“ Lebensgefährten oder die Lebensgefährtin hineinzuversetzen und sich zu fragen, wie man sich fühlen würde, wenn der geliebte Mensch auf einmal schwer erkrankt oder starke Schmerzen erleidet.

1. Tipp: Gedanken/Annahmen wertfrei austauschen – mit einer passenden Übung

Meistens meint man fälschlicherweise, den Partner einschätzen zu können und zu wissen, was er/sie denkt. So kommt man dazu, gewisse Handlungen des Partners im Rahmen des eigenen Denkens über sein/ihr Denken zu interpretieren. Ganz schön verworren, nicht?

Eine gute Übung kann dafür sein, Dinge aufzuschreiben, von denen man denkt, dass Sie dem Gegenüber durch den Kopf gehen. Damit verlagert man den Fokus auf seinen Partner – im Nachhinein kann man die Schriftstücke dann austauschen. Damit lässt sich auch sehr gut die „du musst doch wissen, was ich denke“-Annahme widerlegen, die wir oftmals mehr oder minder unbewusst treffen.

Vielleicht sieht man seinen Partner auch mit anderen Augen, wenn man merkt, wie viele Gedanken er oder sie sich um eine bestimmte Sache macht, die man selbst als weniger bedrückend oder  gravierend empfindet. Generell entwickelt man dadurch eine gute Gesprächsgrundlage, die helfen kann, wieder aufeinander zuzugehen.

2. Tipp: Den Schmerz der anderen Person anerkennen

Wichtig ist, dass beide Partner den Schmerz des jeweils anderen anerkennen – auch wenn der gesunde Partner keinen Schmerz im unmittelbaren, körperlichen Sinne erleidet. Auch der „gesunde“ Beziehungspart erleidet einen Schicksalsschlag: Umso mehr, wenn er oder sie einen wirklich liebt. Wenn der Mensch, mit dem man sein Leben teilen möchte, erkrankt, ist das viel schlimmer, als wenn es sich um eine oberflächliche Bekanntschaft oder Beziehung handeln würde, die vielleicht ohnehin ein „Verfallsdatum“ aufweist und mit der man eben nicht alt werden oder eine Familie gründen möchte.

Zudem ist es wichtig für den gesunden Partner zu verstehen, dass gerade Schmerzen oder auch Ängste den Menschen, den man liebt, auch vermeintlich irrational oder einfach nur anders erscheinen lassen können. Prioritäten verändern sich sehr schnell dann, wenn einen etwas richtig schmerzt. Da gilt es, sich in Geduld und Verständnis zu üben, auch wenn das für einen selbst manchmal schwierig ist.

3. Tipp: Sich Pausen & Freiräume gönnen

Um füreinander da sein zu können, muss man sich auch gegenseitig Pausen und Freiräume gönnen. Es ist ausgesprochen schmerzhaft als Beziehungsteil, der aufgrund einer Erkrankung auf einmal nicht mehr so am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, zurückzustecken und allein zu Hause zu bleiben, während der Partner mit alten Freunden „einen drauf macht“.

Ich denke aber, dass es ganz besonders wichtig ist, dem „gesunden“ Teil der Beziehung diese Freiräume zu geben, ohne danach dies in nachfolgender Art gegen ihn/sie zu verwenden: „Ich habe dich das doch machen lassen und dafür musst du jetzt dies oder jenes für mich tun“. „Compassion“ aus dem Englischem – also eigentlich eine Art Mitfreude – wäre viel bereichernder für beide. (Und ja, ich weiß, dass das nicht immer leicht ist. 😉)

Andersherum gilt aber genauso. Wenn der Partner völlig erschöpft und schmerzgeplagt auf dem Sofa liegt, ist nicht der richtige Zeitpunkt, tiefgreifende Beziehungsveränderungen anzustoßen oder auf vermeintliche Fehler hinzuweisen.

Ihr liebt euch doch und wollt, dass es dem Partner gut geht, oder? Es ist daher wichtig, offen zu kommunizieren, was man gerade braucht, aushalten kann oder eben auch nicht. Um ein Beispiel aus meiner Beziehung zu nehmen: Ich kann die meiste Zeit nicht „mithalten“. Das, was ich im Alltag umsetzen kann, ist weit entfernt von dem, was man von einer „normalen“ 30-Jährigen erwarten kann.

Ich kann aber nicht erwarten, dass mein Partner ein Leben führt, dass ich mir auch nicht für mich ausgesucht hätte, wenn ich gesund wäre. Das ist unfair und ja man darf einmal wütend werden – oder auch mehrfach. Nur der eigene Partner sollte nicht als Zielscheibe dafür dienen, dass das Leben nicht unbedingt fair spielt.

Dennoch habe auch ich manchmal sehr schlechte Tage, an denen es für mich wichtig ist, dass mein Lebensgefährte räumlich/physisch bei mir ist oder ich Hilfe und Unterstützung moralischer oder körperlicher Art benötige. Dann ist das auch hier ein Geben und Nehmen: Wenn der Partner für einen zu Hause bleibt, dann sollte man sich deswegen nicht schlecht fühlen müssen.

Diese Bedürfnisse muss man lernen, für sich richtig einzuordnen: Warum möchte ich bestimmte Sachen (bei mir oder beim Partner) nicht zulassen oder kann manches nicht annehmen? Die Kommunikation spielt hier eine sehr große Rolle, was mich zum nächsten Punkt führt.

Abbildung der Tipps 1 bis 5 für eine Paarbeziehung, die durch eine chronische Erkrankung belastet ist
Tipps 1 bis 5 für eine Paarbeziehung und chronischer Erkrankungen des Partners

4. Tipp: Bedürfnisse kommunizieren, ohne in einen Angriffs- und Verteidigungsmodus zu gehen

Bedürfnisse „richtig“ zu kommunizieren ist nicht immer einfach – denn damit sie richtig beim Empfänger ankommen, muss man sich zuerst einigen, auf der gleichen Frequenz zu funken. Was meine ich damit?

Damit Bedürfnisse klar kommuniziert werden können, muss dafür erst einmal die richtige Basis geschaffen werden. Sonst können solche neu implementierten Kommunikationsstrategien nach hinten losgehen, weil sie missverstanden werden oder genutzt werden, um das jeweilige Gegenüber zu verletzen. Nach dem Motto: Wenn wir schon einmal ehrlich sind; hier die Dinge, die mich schon immer an dir genervt haben.

Wichtig ist es, hier Du-Botschaften zu vermeiden, sondern Ich-Botschaften zu nutzen. Also nicht „Du-sollst“, sondern „Ich wünsche mir, ich sehe unsere Zukunft so.“ Die Ich-Form aber bitte nicht nutzen, um daraus „Ich möchte, dass du dies und jenes tust“ zu machen. Das ist keine Ich-Botschaft, sondern eine höflich klingendere und nicht ganz so direktive Du-Botschaft!

Wenn wir miteinander als Paar ehrlich über unsere Bedürfnisse kommunizieren wollen, dann führt das mit Sicherheit dazu, dass auch unangenehmere Themen angesprochen werden und das ist auch gut so. Dabei gilt es, die Bedürfnisse und Meinungen des anderen zu akzeptieren, das aber nicht als bösartigen Vorwurf zu verstehen, sondern zu versuchen, konstruktiv damit umzugehen. Das heißt, nachzufragen, wie etwas gemeint ist und ob man es richtig verstanden hat, bevor man an die Decke geht. Auch hier gilt: Der Ton macht die Musik – das gilt für beide Seiten.

In manchen Beziehungen sind die Kommunikationsmuster zu verfahren und die Wunden, die entstanden sind, sitzen tief. Dann hilft oftmals nur noch professionelle Hilfe.

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5. Tipp: Professionelle Hilfe in Anspruch nehmen

Professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist keine Schwäche – ganz im Gegenteil. Teilweise kann sie nötig sein, damit man als Paar voranschreitet. Hier gilt es jetzt gemeinsam genau abzuwägen:

Brauchen wir als Paar Hilfe oder leidet nur einer der Partner so stark unter der Erkrankung, dass er vielleicht schon Anzeichen einer depressiven Verstimmung zeigt?

Da gilt es ehrlich miteinander umzugehen und es nicht als Schande zu sehen, wenn man auf externe Ressourcen zurückgreifen muss. Gerade eine individuelle Psychotherapie kann helfen, sich mit den geänderten Umständen „anzufreunden“. Auch das Selbstwertgefühl kann stark beeinträchtigt werden, weshalb ich darüber einen gesonderten Artikel verfasst habe.

Ich wünsche allen Paaren den Mut und die Kraft, die geänderten Umstände anzugehen. Vielleicht erweisen sie sich in manchen Punkten sogar als Chance, die Beziehung allgemein auf eine neue Stufe an Intimität und Vertrautheit zu heben.

Habt ich etwas vergessen – wie sind deine/eure Erfahrungen?

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Heilpraktikerin in eigener Praxis, Hypnosetherapeutin, Besitzerin eines verrückten Immunsystems mit autoimmunen Spezialeffekten, die sie nach ihrem Studium mit ebensolcher Hingabe medizinische anstatt wirtschaftswissenschaftlicher Abhandlungen wälzen lassen. Wenn ihre Gelenke und Mastzellen es zulassen: begeisterte Heimwerkerin

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4 Kommentare

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  1. Liebe Lisa.
    Ich freue mich jedes Mal auf den neuen Artikel von dir.
    Auch dieses Mal wieder einfühlsam geschrieben.
    Sehr gute Tipps werden aufgezeigt und neue Impulse gegeben. Vor allen Dingen fühlt man sich nicht ganz so allein mit belastenden chronischen Krankheitsverläufen und man erfährt, dass eine Partnerschaft so wichtig ist, aber sie muss „gepflegt“ werden und es darf gefragt, hinterfragt, gefordert etc. werden, aber immer mit Respekt und Achtung der chronischkrankem Person wie auch dem Partner/der Partnerin gegenüber.
    Danke für deine Arbeit. LG Erika

  2. Liebe Erika,

    genau – jede Beziehung muss gepflegt werden und das kann manchmal ganz schön schwer fallen, wenn es einem bzw. beiden nicht gut geht in bzw. mit der neuen Situation.

    Danke für dein wertvolles Feedback.

    LG Lisa

  3. Seitdem ich damit angefangen habe, mir aktiv Zeit zu nehmen, um durch Ergotherapie mit meiner Krankheit umzugehen und Denk- sowie Entspannungsübungen zu machen, konnte meine Beziehung sehr davon profitieren. Es ist wirklich wichtig, sich Zeit dafür zu nehmen. Und das stimmt, dass der Partner es besser nachvollziehen kann, wenn er sieht, wie viel die Krankheit und dazugehörende Konsequenzen dich im Alltag beschäftigen.