Vitamin B6, Taurin und Hist­amin­in­to­le­ranz: Mögliche Interaktionen

Rolle der soge­nannten Co-Faktoren bei der Bildung der DAO wenig untersucht

Die Hist­amin­in­to­le­ranz bringt ein weites Spek­trum an Symptomen mit sich und bei vielen Pati­enten ist der Leidens­druck hoch. Deswegen bewerben mehr und mehr Nahrungs­er­gän­zungs­mit­tel­her­steller Präparat-Formu­­lie­­rungen speziell für Pati­enten mit Hist­amin­un­ver­träg­lich­keit, die B6 oder auch Kupfer enthalten. Die Zufüh­rung dieser Nähr­stoffe soll die Versor­gung mit Diamin­oxi­dase bzw. deren Akti­vität verbessern.

Die Diamin­oxi­dase, kurz DAO, ist ein vor allem im Darm vorkom­mendes Enzym, welches für den Abbau von in der Nahrung anfal­lendem Hist­amin verant­wort­lich ist.  Durch die Opti­mie­rung des DAO-Spie­­gels wiederum sollen Symptome von Hist­amin­un­ver­träg­lich­keit verbes­sert werden. Doch welche Rolle spielt Vitamin B6 bei der DAO-Akti­­vität und welchen Einfluss hat es auf die Taurinsynthese?

Vitamin B6 – ein Co-Faktor der DAO?

Vitamin B6, welches als Ober­be­griff für viele vitami­noide Verbin­dungen wie Pyri­doxal, Pyri­doxin und Pyri­do­x­amin fungiert, ist für viele Vorgänge im Körper entschei­dend. Es ist auch das einzige Vitamin, bei dem sowohl ein Mangel, also zu wenig B6, als auch ein „zu viel“ zu einer Poly­neu­ro­pa­thie (also Krib­beln in Händen und Füßen etc.) führen kann! Daher möchte ich drin­gendst von „blinder“ Einnahme – vor allem hoher Dosen – ohne eine vorhe­rige Labor­be­stim­mung des B6-Spie­­gels abraten.1

B6 gilt zwar als Cofaktor für die Herstel­lung der Diamin­oxi­dase (DAO) und wird auf den entspre­chenden Seiten der Nahrungs­er­gän­zungs­mit­tel­her­steller auch so beworben. Jedoch finden sich kaum soge­nannte in vivo-Unter­­su­chungen der Effekte beim Menschen. Statt­dessen finden zu der Rolle von Vitamin B6 bzw. seiner aktiven Form Pyroxidal-5-Phophat (PLP) in der Diamin­oxi­­dase-Akti­­vität und Bildung haupt­säch­lich Tier- oder in vitro-Forschung, die außer­halb vom Menschen in der Petrischale/im Reagenz­glas statt­ge­funden haben.2–4

Vitamin B6 ist im Körper an einer Viel­zahl von Prozessen betei­ligt, so auch an der Histidin Decar­b­oxylase, die aus der Amino­säure Histidin im Körper Hist­amin herstellt (siehe den Artikel zu Ursa­chen der Hist­amin­in­to­le­ranz).

Eine Verbin­dung zwischen Vitamin B6 und Taurin

Nicht wenige Hist­a­min­in­­to­­le­ranz-Pati­enten bemerken einen posi­tiven Effekt durch die B6-Einnahme, wobei es dafür noch weitere Erklä­rungs­an­sätze als die „B6-sorgt-für-mehr-DAO-Theorie“ geben könnte, die gerne in einschlä­gigen Blogs rezi­tiert wird.  Wird ein Vitamin B6-Mangel ausge­gli­chen, führt das zur Beein­flus­sung einer Viel­zahl von Stoff­wech­sel­pro­zessen. So hat z.B. ein Vitamin B6-Mangel auch Einfluss auf die Taurinsynthese.

B6 ist entschei­dend für die Taurin­bil­dung und Taurin ist eine Amino­säure, der eben­falls antient­zünd­liche und aller­gi­sche Eigen­schaften zuge­schrieben werden.5–7 Ohne einen ausrei­chenden Spiegel der aktiven Form des B6 namens Pyroxidal ‑5- Phos­phat funk­tio­nieren gewisse Stoff­wech­sel­wege, die in die Bildung von Taurin resul­tieren, nur in einge­schränkter Form.

Wer sich die Erklä­rung der Stoff­wech­sel­zu­sam­men­hänge sparen möchte, kann gerne zu den anti­all­er­gi­schen Eigen­schaften von Taurin springen. Ich versuche es möglichst anschau­lich mittels einer Grafik zu erklären.

Die Bildung von Taurin im Körper

Pyroxydal-5-Phophat, also die aktive Form von Vitamin B6, wird vom Körper benö­tigt, um das Stoff­wech­sel­pro­dukt Homo­cys­tein abzu­bauen. Dies geschieht über einen Abbauweg, der auch als Trans­sul­fu­rie­rung bekannt ist.

Homo­cys­tein entsteht als Zwischen­pro­dukt beim Auf-/Abbau bestimmter Amino­säuren wie der essen­zi­ellen Amino­säuren Methionin und Cystein. Diese Amino­säuren müssen wir über die Nahrung mittels Eiweiß aufnehmen, da wir sie nicht herstellen können und sie für den Aufbau von körper­ei­genen Eiweißen entschei­dend sind.

Homo­cys­tein wird unter Verwen­dung der aktiven Form von Vitamin B6 über einen Zwischen­schritt zur Amino­säure Cystein abge­baut. Cystein wiederum ist Ausgangs­ma­te­rial für die Bildung von Pyruvat, Sulfat und Taurin. Der Abbau von Cystein zur Amino­säure Taurin erfolgt aber­mals mittels B6.8

Taurin – in Ener­gy­drinks und in der Komple­men­tär­me­dizin häufig verwendet

Taurin ist eine Amino­säure, die nicht nur in komple­men­tären Kreisen gerne ange­wandt wird und in Ener­gy­drinks zu finden ist, worin sie angeb­lich Flügel verleiht 😉, sondern sie ist auch Gegen­stand medi­zi­ni­scher Forschung.

Es gibt viele biolo­gi­sche Ansatz­punkte,  mittels welcher Taurin even­tuell einen posi­tiven Effekt auf den Körper entfalten könnte – beispiels­weise bei Erkran­kungen des Herz-Kreis­lauf­­sys­­tems.6 Jedoch muss gene­rell auch hier wieder darauf hinge­wiesen werden, dass sich einige der Taurin zuge­schrie­benen Vorteile bisher nicht in Studien oder in Unter­su­chungen am Menschen belegen lassen.

Wissen­schaft­liche Unter­su­chungen zu Taurin, aller­gi­schen Symptomen und Histamin

Es gibt wissen­schaft­liche Unter­su­chungen, meist im Tier­mo­dell oder in vitro , die zeigen, dass Taurin zu einer Hemmung von Entzün­dungs­pro­zessen im Körper führen kann. Diese Entzün­dungs­hem­mung kommt über eine Beein­flus­sung bestimmter Faktoren zu Stande, die verein­facht gesagt regu­lieren, ob gewisse Gene “akti­viert” werden oder nicht. Taurin hat wohl einen Einfluss auf die NF-κB-Tran­­skri­p­­ti­on­s­­fak­­tor­­fa­­millie (nuclear factor kappa light chain enhancer of acti­vated B‑cells). Der NF-κB-Faktor spielt eine Rolle bei der Regu­la­tion der Immun­ant­wort und bei der Entste­hung entzünd­li­cher Prozesse.6,7

Durch Taurin­zu­fuhr kam es in Modell­un­ter­su­chungen zu einer Reduk­tion entzün­dungs­för­dernder Boten­stoffe.6,7 In einem Tier­mo­dell von Ratten mit Hühner­ei­­weiß-Allergie konnten Hist­amin und auch Immun­glo­bulin E (kurz: IgE) als Marker für aller­gi­sche Entzün­dungs­pro­zesse durch die Gabe von Taurin deut­lich redu­ziert werden.5

IgE spielt eine Rolle bei der Vermitt­lung von Aller­gien und ist viel­leicht auch dem Laien ein Begriff, da das ärzt­liche Personal oftmals eine IgE-Besti­m­­mung im Blut durch­führt, wenn es  eine Allergie vermutet.

In der oben beschrie­benen Unter­su­chung von Ratten mit Hühner­ei­­weiß-Allergie zeigten die Tiere nach Gabe von Taurin nicht nur Verän­de­rungen bei den Labor­pa­ra­me­tern, sondern auch im Verhalten. So rieben sie sich weniger oft die Nase, weswegen es wahr­schein­lich ist, dass die Ratten weniger aller­gi­sche Symptome verspürten. Daher schreiben die Forscher abschlie­ßend, dass Taurin even­tuell bei aller­gi­schen Erkran­kungen hilf­reich sein könnte.5

Aufgrund von fehlenden belast­baren Studien zu B6 und Taurin am Menschen zu hist­amin­ver­mit­telten und aller­gi­schen Erkran­kungen, lässt sich nur speku­lieren, welchen Einfluss ein Vitamin B6-Mangel und/oder Taurin auf die Ausprä­gung aller­gi­scher Symptome und des Hist­amin­spie­gels beim Menschen hat. Bioche­misch gesehen könnte B6 seine Wirkung bei hist­amin­ver­mit­telten Unver­träg­lich­keiten teil­weise über die oben beschrie­benen Mecha­nismen entfalten, wobei ich hier noch einmal betonen möchte, dass uns Studien dazu fehlen.

Dieser Beitrag behan­delt ein Gesund­heits­thema. Es ist wichtig, dass du deine Symptome durch medi­zi­ni­sches Fach­per­sonal unter­su­chen und behan­deln lässt. Dieser Artikel kann keine Betreuung und Bera­tung durch Fach­per­sonal ersetzen und möchte es auch nicht.

Mangel­er­schei­nungen bei Menschen mit Unver­träg­lich­keiten und Magen-Darm-Erkrankungen

Bei nicht wenigen „Magen-Darm-Pati­enten“ mit gastro­in­tes­ti­nalen Erkran­kungen und Into­le­ranzen, wie dem Hist­a­min­in­­to­­le­ranz-Syndrom, kommt es aufgrund der mangelnden Essens­auf­nahme und des einge­schränkten Spei­se­plans einer­seits und der tenden­ziell schlech­teren Aufnahme ander­seits zu Unter­ver­sor­gungen mit Vitaminen, Spuren­ele­menten und Kalorien.

Eine schlech­tere Aufnahme kann bedingt sein durch bestehende Grund­er­kran­kungen, wie chro­­nisch-entzün­d­­liche Darm­er­kran­kungen oder gastro­in­tes­ti­nale Aller­gien, die eben­falls mit einer Hist­amin­un­ver­träg­lich­keit einher­gehen können. Vitamin- und Nähr­stoff­un­ter­ver­sor­gungen können weit­rei­chend sein und die Situa­tion für Personen mit mehreren Into­le­ranzen oder Mast­zell­pro­ble­ma­tiken noch verschärfen.

Wer unter einer Hist­amin­in­to­le­ranz leidet, sollte am besten mithilfe eines erfah­renen Thera­peuten versu­chen, die Ursa­chen für deren Auftreten nach­zu­voll­ziehen, da sich dann oft indi­vi­duell ange­passte, hilf­reiche Thera­pie­op­tionen finden: Ist die Hist­amin­in­to­le­ranz im Rahmen einer neuen Medi­ka­tion aufge­treten, die viel­leicht den Hist­am­in­stoff­wechsel verän­dert? Liegen Aller­gien vor? Wichtig ist, nicht auf bloßen Verdacht hohe Dosen Vitamine, Nahrungs­er­gän­zungs­mittel oder Ähnli­ches ohne ärztliche/therapeutische Betreuung einzu­nehmen und am besten regel­mä­ßige Labor­kon­trollen bei der Einnahme durchzuführen.

Dies sind nur einige der Ursa­chen, die an der Entwick­lung einer Hist­amin­un­ver­träg­lich­keit betei­ligt sein können, weswegen an geson­derter Stelle auf dieser Seite eine detail­lierte Aufschlüs­se­lung über bisher bekannte Mecha­nismen der Hist­amin­un­ver­träg­lich­keit oder der Biogene-Amine-Into­­le­ranz erfolgt ist.

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Refe­renzen

  1. Vrolijk MF, Opper­huizen A, Jansen EHJM, Hageman GJ, Bast A, Haenen GRMM. The vitamin B6 paradox: Supple­men­ta­tion with high concen­tra­tions of pyri­do­xine leads to decre­ased vitamin B6 func­tion. Toxicol In Vitro. 2017;44:206–212. doi:10.1016/j.tiv.2017.07.009
  2. Saslak K, Kierska D, Maśliński Cz. Phos­pho­py­ri­doxal complexes with hist­amine and histidine (5) the kine­tics of cyclic compound forma­tion between hist­amine and pyridoxal‑5′-phosphate in the presence of pig kidney diamine oxidase and rat intes­tinal hist­ami­nase. Agents and Actions. 1977;7(1):19–25. doi:10.1007/BF01964876
  3. Martner-Hewes PM, Hunt IF, Murphy NJ, Swendseid ME, Sett­lage RH. Vitamin B‑6 nutri­ture and plasma diamine oxidase acti­vity in pregnant Hispanic teen­agers. Am J Clin Nutr. 1986;44(6):907–913. doi:10.1093/ajcn/44.6.907
  4. Neree AT, Soret R, Marcocci L, Pietran­geli P, Pilon N, Mateescu MA. Vegetal diamine oxidase alle­viates hist­a­mine-induced contrac­tion of colonic muscles. Scien­tific Reports. 2020;10(1):21563. doi:10.1038/s41598-020–78134‑3
  5. Nam S‑Y, Kim H‑M, Jeong H‑J. The poten­tial protec­tive role of taurine against expe­ri­mental allergic inflamma­tion. Life Sci. 2017;184:18–24. doi:10.1016/j.lfs.2017.07.007
  6. Qara­dakhi T, Gadanec LK, McSweeney KR, Abraham JR, Apos­to­lo­poulos V, Zulli A. The Anti-Inflamm­a­­tory Effect of Taurine on Cardio­vascular Disease. Nutri­ents. 2020;12(9):2847. doi:10.3390/nu12092847
  7. Ripps H, Shen W. Review: Taurine: A “very essen­tial” amino acid. Mol Vis. 2012;18:2673–2686. Accessed February 17, 2019. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3501277/
  8. Obeid OA, Johnston K, Emery PW. Plasma taurine and cysteine levels following an oral methio­nine load: rela­ti­onship with coro­nary heart disease. Euro­pean Journal of Clinical Nutri­tion. 2004;58(1):105–109. doi:10.1038/sj.ejcn.1601755

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