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Neben­wir­kungen von Medi­ka­menten bei Aller­gien, MCAS und Urtikaria

Gerade Mast­zell­pa­ti­enten haben oft einen „bunten Strauß“ an verschie­denen Medi­ka­menten, um die immer­wäh­rende Frei­set­zung der vielen Mast­zell­me­dia­toren zu unter­binden bzw. die Empfäng­lich­keit ihrer Zellen gegen­über diesen Stoffen zu blockieren.

Ein Problem ist die anti­cho­linerge Wirkung bestimmter dafür einge­setzter Medi­ka­mente, die sich bei Kombi­na­tion aufad­dieren (kumu­lieren) können und dann länger­fristig mit einem höheren Risiko für Neben­wir­kungen einher­gehen können. Die soge­nannten anti­cho­linergen Effekte, insbe­son­dere der alten Genera­tionen von Anti­hist­ami­nika, machen sich vor allem im zentralen Nerven­system bemerkbar.

Was sind anti­cho­linerge Nebenwirkungen?

Ein chemi­scher (Über-)Trägerstoff im Nerven­system ist Acetyl­cholin. Acetyl­cholin ist insbe­son­dere im Gehirn ein wich­tiger Boten­stoff und wird deswegen auch als Neuro­trans­mitter bezeichnet.

Im unwill­kür­li­chen bzw. fach­sprach­lich auto­nomen Nerven­system vermit­telt Acetyl­cholin viele körper­liche Prozesse und ist der haupt­säch­liche Über­trä­ger­stoff (Neuro­trans­mitter) des para­sym­pa­thi­schen Nerven­sys­tems. So hängen z.B. Spei­chel­fluss, Magen-Darm-Bewe­gung (Moti­lität), Puls und Blut­druck davon ab.

Dadurch erklärt sich, warum stark anti­cho­linerge Medi­ka­mente, wie z.B. trizy­kli­sche Anti­de­pres­siva wie Amitri­ptylin und Anti­hist­ami­nika der alten Genera­tion, die stark die Wirkung des Acetyl­cho­lins hemmen, als Neben­wir­kungen Verstop­fung und Mund­tro­cken­heit aufweisen.

Weitere Neben­wir­kungen, die auf die anti­cho­linerge Akti­vität solcher Medi­ka­mente zurück­zu­führen sind, sind unter anderem: trockener Mund, verschwom­menes Sehen, Schwindel, Müdig­keit, Probleme beim Wasser­lassen bis hin zu Gedächt­nis­stö­rungen und Hallu­zi­na­tionen.

Dieser Beitrag behan­delt ein Gesund­heits­thema. Es ist wichtig, dass du deine Symptome durch medi­zi­ni­sches Fach­per­sonal unter­su­chen und behan­deln lässt. Dieser Artikel kann keine Betreuung und Bera­tung durch Fach­per­sonal ersetzen und möchte es auch nicht.

Die Behand­lung aller­gi­scher Symptome

Gerade bei Pati­enten mit einer Mast­zel­l­er­kran­kung, sei es das Mast­zel­lak­ti­vie­rungs­syn­drom (MCAS), Masto­zy­tose, Urtikaria und Pseu­do­all­er­gien, wie der NSAID-Into­le­ranz, kommt es aufgrund der Schwere der Symptome oftmals zur Kombi­na­tion verschie­dener Präpa­rate und zur Einnahme höherer Tages­dosen. Sie sind nötig, um Symptome zu unter­binden bzw. erträg­lich zu machen.

Dies ist auch der rich­tige Ansatz, um die Lebens­qua­lität zu erhalten und Betrof­fene zu unter­stützen. Gefähr­lich sind die anti­cho­linergen Effekte immer dann, wenn die Dosie­rungen von Anti­hist­ami­nika bspw. immer weiter steigen und andere anti­cho­linerge Medi­ka­mente dazu kommen.

Oftmals ist es für Betrof­fene nur schwer vorstellbar, dass das Anti­hist­ami­nikum, was man immer gut vertragen hat, z.B. nun in Kombi­na­tion mit einem Anti­de­pres­sivum zu Neben­wir­kungen führt und Schwindel und Müdig­keit diesmal nicht Ausdruck der Grund­er­kran­kung sind.

Daher ist es wichtig, jede Medi­ka­tion mit dem ärzt­li­chen Fach­per­sonal zu bespre­chen, aber auch immer wieder gemeinsam mit diesen zu reeva­lu­ieren, ob all diese Medi­ka­mente ihren Nutzen erfüllen. Denn hier gilt, dass sich die anti­cho­linerge Wirkung kumu­liert, d.h. die Effekte addieren und verstärken sich gegenseitig.

Close-up image of vitamins and supplements, view from above
So kann das leider manchmal aussehen bei chro­ni­schen Erkrankungen…

Neben­wir­kungen von Medi­ka­menten bei Hist­amin-vermit­telten Erkrankungen

Anti­hist­ami­nika der neuen und alten Generation

Die meisten Aller­giker oder Betrof­fenen kennen wahr­schein­lich Lorano® (Wirk­stoff Lora­tadin) und Ceti­rizin (auch frei verkäuf­lich). Viele (gerade stärker Betrof­fene) MCAS-Pati­enten nehmen lang­fristig Fexo­fen­adin, Rupa­tadin (Urtimed®) oder anderen Anti­hist­ami­nika der neueren Genera­tion ein, die in Deutsch­land der Verschrei­bungs­pflicht unterliegen.

Neue Genera­tion heißt, sie wirken weniger auf das zentrale Nerven­system und machen damit weniger müde als die „alten“ Anti­hist­ami­nika. Zu letz­teren gehören Diment­inden (Feni­stil®) und Diphen­hy­dramin. Diphen­hy­dramin ist vor allem im englisch­spra­chigen Raum bekannt und wird dort z.B. intra­venös zur Kontrolle bei schwerem Mast­zel­lak­ti­vie­rungs­syn­drom (MCAS) einge­setzt. Es kann auch als kurz­fris­tige Hilfe bei Einschlaf­stö­rungen einge­setzt werden.

Anti­de­pres­siva mit hohem anti­cho­linergen Potential

Trizy­kli­sche Anti­de­pres­siva wie Amitri­ptylin, Imipramin oder Doxepin wirken anti­cho­linerg und es kann zu uner­wünschten Symptomen wie Mund­tro­cken­heit, Harn­ver­halt, Verstop­fung (Obsti­pa­tion) oder einer erhöhten Herz­fre­quenz kommen.

Sie werden u.a. bei Fibro­my­algie, chro­ni­schen Schmerzen, und Depres­sionen eingesetzt.

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Anti­cho­linerge Last als Maß für das anti­cho­linerge Potential

Um einzu­schätzen, wie hoch das Poten­tial für anti­cho­linerge Neben­wir­kungen ist, hat sich ein Punk­te­system etabliert: 0 heißt kein anti­cho­linerges Poten­tial, 1 – schwach, 2- mitt­leres, 3 – starkes anti­cho­linerges Poten­tial. Nach dem engli­schen Wort „anti­cho­linergic burden“ heißt diese Klas­si­fi­zie­rung das ACB-Punktesystem.

Die Punkte werden dann addiert. Im kumu­la­tiven Bereich bei über drei Punkten kann es insbe­son­dere im Alter zu kogni­tiven Einschrän­kungen kommen und vor allem zu einem erhöhten Risiko für die Entwick­lung einer Demenz, weswegen ärzt­li­ches und phar­ma­ko­lo­gi­sches Fach­per­sonal dahin­ge­hend beson­ders sensi­bi­li­siert ist.

Die deut­schen Forscher Kiesel, Hopf und Drey haben in einem aktu­ellen Forschungs­pa­pier von 2018 auf Basis der verschie­denen Quellen versucht, gängige Medi­ka­menten in das Punk­te­system einzu­teilen. Den Studi­en­au­toren ist es ein Anliegen, dass der kumu­la­tive Effekt von anti­cho­linergen Medi­ka­menten („anti­cho­linergic burden“), der bei vulnerablen Pati­en­ten­gruppen auftreten kann, und etwaige Lang­zeit­folgen redu­ziert werden.

Niedrig
(Score = 1)
Mittel
(Score = 2)  
Hoch
(Score = 3)  
Celecoxib, Cete­rizin, Deslo­ra­ta­dine, Diazepam, Famo­tidin, Lora­zepam,
Mida­zolam, Mirta­zapin
u.v.m.  
Cimet­idin, Opipramol, Ranit­idin, Tramadol
u.v.m.
Amitryp­tilin, Clemastin (Tavegil),
Diphen­hy­dramin, Hydro­xyzin, Doxepin, Trimi­pramin
u.v.m.  
Anti­cho­linerges Poten­zial bestimmter Medikamente

Auch in dieser Veröf­fent­li­chung zeigt sich, dass sich Forscher und Orga­ni­sa­tionen über das anti­cho­linerge Poten­tial bei manchen Medi­ka­menten nicht einig sind: Fexo­fen­adin, ein oftmals bei Mast­zel­l­er­kran­kungen einge­setztes Anti­hist­ami­nikum, wird von zwei wissen­schaft­li­chen Abhand­lungen in die mitt­lere Kate­gorie (2) einge­ordnet. Im Gegen­satz dazu stehen die Einord­nungen zweier anderer Forscher­teams in die Kate­gorie 0 – also ohne anti­cho­linerge Effekte.

Auch Deslo­ra­tadin und anderen Anti­hist­ami­nika wirken leicht (1) bis mittel (2) anti­cho­linerg – je nach Veröffentlichung.

Daher teilte das Forscher­team aus Deutsch­land Fexo­fen­adin und Deslo­ra­tadin in die Kate­gorie 1 (schwache anti­cho­linerge Akti­vität) ein – als Mittel­wert aus den verschie­denen, zusam­men­ge­tra­genen Quellen. Die H2-Blocker Cimet­idin und Ranit­idin werden unter mitt­lerer Akti­vität (2) gelistet.

Benzo­dia­ze­pine wirken leicht bis mittel anticholinerg.

Fazit

Bei Kombi­na­tion von H1 und H2-Blockern mit weiteren Medi­ka­menten kommt man schnell auf eine hohe anti­cho­linerge Last als Mast­zell­pa­tient, die auch zu Neben­wir­kungen führen kann. Diese Neben­wir­kungen werden dann teil­weise fälsch­li­cher­weise als Symptome der Grund­er­kran­kung inter­pre­tiert.

Jedoch gilt: Bei manchen Erkran­kungen oder bei sehr schweren Symptomen sind Medi­ka­men­ten­kom­bi­na­tionen notwendig, die eine hohe anti­cho­linerge Last mit sich bringen können. Diese müssen teil­weise, in Erman­ge­lung von Alter­na­tiven, einge­setzt werden, solange die Neben­wir­kungen sich in Grenzen halten.

Daher ist es ratsam, die eigene Poly­me­di­ka­tion mit dem ärzt­li­chen Fach­per­sonal stets auf Notwen­dig­keit der Einnahme der einzelnen Medi­ka­mente zu prüfen. Ergän­zend hierzu sollten auch Lebens­stil­an­pas­sungen oder eine Ernäh­rungs­um­stel­lung ins Auge gefasst werden.

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Heil­prak­ti­kerin in eigener Praxis, Hypnose­the­ra­peutin, Besit­zerin eines verrückten Immun­sys­tems mit auto­im­munen Spezi­al­ef­fekten, die sie nach ihrem Studium mit eben­sol­cher Hingabe medi­zi­ni­sche anstatt wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­cher Abhand­lungen wälzen lassen. Wenn ihre Gelenke und Mast­zellen es zulassen: begeis­terte Heimwerkerin.

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Wiss­be­gie­rige Apothe­kerin, die im Bedarfs­fall in ihrem eigenen Labor zur Ratten­maus wird und versucht Indi­vi­du­al­re­zep­turen herzu­stellen. Sie besitzt ein echtes Apothe­ken­pferd und hat damit schon in den Medien für Furore gesorgt.

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2 Kommentare

  1. Liebe Lisa, liebe Laura.

    Danke für euren Exkurs. Wie wichtig ist es, über­prüfen zu lassen, was man so alles zu sich nimmt an Medi­ka­menten und was diese zusammen auslösen können. Die Ärzte sind schnell dabei, Medi­ka­mente zu verschreiben, weil sie davon über­zeugt sind, dass es das Rich­tige für die Pati­enten ist.
    Wie wichtig ist es zu schauen, was nimmt dieser Patient/diese Pati­entin sonst noch… aber das wird oft unter­lassen, wahr­schein­lich weil die Zeit fehlt.
    Ihr habt recht, man muss Verant­wor­tung für sich selbst über­nehmen und immer wieder nach­fragen, beim Arzt/bei der Ärztin, nochmal versi­chern beim Apotheker/bei der Apothe­kerin, um sicher zu sein, dass es da keine uner­wünschten Effekte gibt. Als Patient*in muss man beharr­lich Antworten einfor­dern… Fragen stellen: Ist das okay, wenn ich das Präparat X mit dem Präparat Y nehme? Und wirk­lich die gege­bene Antwort nochmal absi­chern lassen von anderer Stelle…
    Ihr habt mich dafür sensi­bi­li­siert, noch eindring­li­cher darauf zu achten.
    Euch einen schönen Sonntag. Danke für eure Arbeit.
    Eri

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